
Bild von Wassily Wereschagin „Schlachtort am 18. Juli 1877“
von Yuri Felschtinski, einem russischen Historiker
Es kann einen schon wundern: die Mehrheit der Bevölkerung des heutigen Russlands bei scheinbarem und formell deklariertem Antifaschismus sind Faschisten. Die Antipoden des Faschismus und Faschisten sind Demokratie und Demokraten. Ich versuche zu erklären, was ich damit meine.
Über die Demokratie ist uns alles klar. Aus dem altgriechischen übersetzt bedeutet die „Demokratie“ die „Macht des Volkes“. Dementsprechend wird diese Macht durch das Wahlsystem irgendwo besser, anderswo schlechter realisiert. Im Idealfall sollten die Wahlen absolut frei sein – ohne jegliche Zensur, ausser des Alter-Zensus. Nach diesem Ideal streben alle. Jemand ist dem näher, der andere – noch nicht so ganz. Auf der Welt bleiben immer weniger Diktaturen übrig.
Russland steht heute abseits und gehört zu einem anderen uns bekannten Staatstyp: dem faschistischen. Das Problem liegt gar nicht so sehr in der Regierung, die dieses Land anführt- genauer gesagt, nicht nur in der Regierung, sondern auch in der Bevölkerung Russlands. Mit der Regierung ist die Sache einfach: in der heutigen historischen Etappe regiert in Russland eine Junta der KGB/FSB-Offiziere. Sie haben die höchsten staatlichen, politischen, verwaltenden, wirtschaftlichen und haushälterischen Posten an sich gerissen. Wenn nicht alle Leiter der Grossunternehmen, Banken und Firmen FSB-Offiziere sind, so sind es ihre Stellvertreter, die an diese Posten abkommandiert wurden und das Geschäft in Interessen ihrer Organisation kontrollieren.
Die FSB-Leute glauben an keine Demokratie und spielen auch nicht in diese – sie glauben nur an die Stärke und den Diktat. Man kann vieles Schlechte aufzählen, woran der FSB glaubt, und vieles Gute- woran er nicht glaubt. Unter anderem glaubt er nicht an das Recht des Volkes, sich an freien Wahlen zu beteiligen und dadurch seinen Staat zu führen. In dieser Frage ist mit dem FSB noch eine Gruppe Funktionäre solidarisch, die sich als Etatisten wahrnehmen. Dazu gehören – aus dem Kreis bekannter Menschen- Alexander Woloschin und Anatoli Tschubais.
Sie sind für die Priorität des Staates vor der Persönlichkeit und finden, dass in Interessen des Staates alles erlaubt ist, dass das Ziel die Mittel rechtfertigt, dass ein starker Staat immer gut ist, und ein schwacher- immer schlecht. Und wenn der einfachste und schnellste Weg einen starken Staat mit einer zentralisierten „Vertikale“ auszubauen die Macht in die Hände vom FSB abzugeben bedeutet, sollte man eben FSB an die Macht bringen. Die Priorität des Staates vor der Persönlichkeit und die Nichtigkeit der Persönlichkeit vor dem Staat – das ist eigentlich auch der Faschismus. Also sind die Etatisten im heutigen Russland- Faschisten.
Gehen wir weiter zu Abgeordneten, die in ihrer Mehrheit Putin unterstützen. Dafür haben sie viele Gründe. In erster Linie sind die Abgeordneten – Staatsbeamten, die vom Staat abhängig sind, darum sind sie Etatisten. Heute in Russland ein Abgeordneter zu sein ist der lukrativste Beruf.
Jemand lässt sich bestechen, der andere verbindet die Arbeit für den Staat mit dem Privatgeschäft, der dank dem von ihm belegten Posten möglich wurde. Jemand kombiniert gar das erste, das zweite und das dritte oder setzt an die Spitze der Grossunternehmen die Mitglieder seiner Familie. Das Letzte, woran ein Abgeordneter interessiert ist, sind freie Wahlen und die Volkskontrolle über seine Tätigkeit. In diesem Sinne ist das ganze russische Beamtentum auch faschistisch.
Putin, der die Angaben über das Immobilieneigentum der Abgeordneten für geheim erklärt (und das Immobilieneigentum ist auf der ganzen Welt die Hauptform der Aufbewahrung des erworbenen Kapitals), passt dem Bürokraten gut. Dem FSB passt dieses System auch, denn es erschafft die Möglichkeit für die Erpressung der Unbequemen und der Misshelligen. Darum gibt es im Staatsapparat Russlands auch keine Misshelligen. Das russische Beamtentum gibt bedingungslose Unterstützung Putin und dem FSB, unter welchen die Möglichkeiten für Korruption wahrlich grenzenlos geworden sind. Und das ist derselbe Grund, aus welchem wir unter den Abgeordneten keine Überläufer sehen oder solche, die freiwillig zurücktreten.
Die Hymne Russlands in der Ausführung der Popgruppe „Ljube“:
Der russische Business ist natürlich farbenreich. Im Unterschied zum freien Markt und der freien Konkurrenz im Europa und den USA ist das Geschäft in Russland auf anderen Prinzipien aufgebaut. Wenn die Hauptaufgabe der freien Welt die Nichtzulassung des Monopols ist, das die Konkurrenz tötet und den wissenschaftlich-technischen Progress behindert, so ist die Aufgabe des russischen Geschäfts – das Monopol zu erreichen, denn das gewährleistet den grössten Gewinn. Viele finden nicht nur die Abstützung auf die Staatsunterstützung günstig, sondern auch die Verwandlung in eine staatliche oder halbstaatliche Struktur, denn diese Verwachsung macht Infusionen aus dem Staatsbudget ins Geschäft bei gleichzeitiger Privatisierung der Gewinne möglich. Manchmal lässt der Staat dem Business auch keine andere Wahl als sich zu ergeben. Oder er ersetzt zunächst die Manager mit den „seinen“ und führt erst dann die Reorganisation aus. All das unterscheidet sich nicht sonderlich von feindlichen Übernahmen.
Die Fusion des Staates und des Grossunternehmens ist auch ein klassisches Element des faschistischen Regimes, wo das Geschäft an einem starken Staat, an den Regierungsaufträgen und am Schutz vor ausländischer Konkurrenz interessiert ist, und der Staat- an der Kontrolle über dem Geschäft durch die Möglichkeit, Druck auf die Aktionäre und Manager auszuüben, und zwar bis zur Ruinierung des Geschäfts und der Verhaftung der Geschäftsmänner selbst, wenn es „in Interessen des Staates“ zweckentsprechend ist. Einen unabhängigen Business gibt es in Russland nicht.
Das grosse Geschäft ist vom Staat – vertreten durch den FSB und die höchsten Staatsbeamten – abhängig; die mittleren Unternehmen – von sonstigen Beamten und den Mitarbeitern der Gewaltorgane, und der kleine Business – von den lokalen Behörden, von denjenigen, die dort in jedem konkreten Fall die Macht repräsentieren. Zur freien Marktwirtschaft hat all das keinerlei Bezug.
Am Fuße dieser ganzen Pyramide „liegt“ das Volk. Sein kreativer Teil ist die Intelligenzija. Unter der Intelligenzija ist es am einfachsten, die Faschisten und die Demokraten herauszufischen, denn die Intelligenzija hat die Angewohnheit zu sprechen und zu schreiben. Demokraten gibt es prozentual sehr wenig. Ich werde ihre typischen Vertreter nicht nennen, um einerseits diese Menschen nicht einem zusätzlichen Risiko auszusetzen, und andererseits jene nicht zu beleidigen, die ich nicht genannt habe.
Aber ein Demokrat im heutigen Russland ist nicht nur ein Mensch, der für die Volksmacht, Meinungsfreiheit und Wahlfreiheit auftritt. Das ist auch noch ein Mensch, der gegen den russischen Staat auftritt, denn der heutige russische Staat, wie wir es bereits definierten, ist der FSB, der die Macht ergriff. Mit anderen Worten ist ein Demokrat im heutigen Russland ein Mensch, der gegen die heutige russische Führung in all ihren Ansätzen auftritt (denn positive Ansätze besitzt die heutige russische Führung nicht).
Um meinen Standpunkt maximal verständlich zu machen, erkläre ich es so: ein Demokrat in Russland ist zurzeit jener, der während eines Fussballspiels Russland-Ukraine für die Ukraine ist, denn sein Land (Russland) ist der Aggressor, der gegen die Ukraine einen Krieg begann. Ein Demokrat im heutigen Russland ist ein Mensch, der Putin und seiner Regierung die Niederlage wünscht. Und da Putin alle sportlichen Errungenschaften oder Niederlagen der russischen Sportler sehr zu Herzen nimmt, ist man gezwungen, auch den russischen Sportlern eine Niederlage zu wünschen, damit die Zuschauer nicht ein weiteres Mal zu Klängen der sowjetischen Hymne aufstehen müssten.
Die Hymne Russlands auf dem Strand im Dorf Lasarewskoje:
Beachten wir den Fakt, dass entsprechend der vor kurzem in Russland durchgeführten Umfrage nur 13% der Russen die Ergebnisse der Gerichtsverhandlung des JUKOS-Falls als gerecht bezeichneten und die Landesführung dazu aufriefen, „sich unterzuordnen und diesen Entscheid zu befolgen“. Vergleichen wir das mit der vorangegangenen Umfrage, entsprechend welcher 87% der Bevölkerung die heutige Politik des Präsidenten Russlands befürworten, und wir bekommen eine ziemlich genaue Verteilung der Demokraten und allen anderen. Wer sind denn diese „anderen“ (unter Berücksichtigung dessen, dass auch die 87% der Unterstützung eine überhöhte Zahl sein könnte)?
Über den LDPR-Anführer Wladimir Schirinowski und den Vizepremier Dmitry Rogosin brauche ich nicht lange zu schreiben. Schirinowski, der in der Duma eine Frau direkt vor den Kameraobjektiven an den Haaren zieht oder unter Putins Grinsen (hier bereits vor den TV-Kameras der ganzen Welt) auf der Krim erzählt, dass er die Kriminellen aus dem Gefängnis entlassen und sie alle zur Leichenfledderei in die Ukraine schicken wird, und auf Polen einen präventiven Atomschlag ausführt; Rogosin, der erklärt, dass er beim nächsten Mal mit einem Bomber nach Moldawien kommt – das sind gewöhnliche Faschisten.
Weiter kommen die zahlreichen russischen Journalisten und Schriftsteller a la Michail Leontjew, Dmitry Kiseljew, Eugen Popow, Alexander Prochanow. Als Etatisten glauben sie (aufrichtig oder für Geld) an die unbezwingbare Stärke des russischen Staates. Als „Volkstümler“-Intelligenten behalten sie dem „erhabenen russischen Volk“ das Recht vor, jedes andere Volk – per Definition kein erhabenes Volk – zu vernichten, denn die Einzigartigkeit des russischen Volkes besteht darin, dass es erhaben ist. Tolstoi und Tschaikowski dienen in dem Fall als ein unwiderlegbarer Beweis. Deutschland hatte auch grosse Kultur- Goethe, Wagner…
Das hat die Alliierten zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges nicht sonderlich beeindruckt und den Deutschen nicht viel geholfen, obwohl Goethe noch immer gelesen wird, und Wagner- gehört.
Die Kraft des Faschismus bestand schon immer in der leicht einzuprägenden Idee der Auserwähltheit der eigenen Nation und ihres Vorteils vor den anderen. Die Verwundbarkeit des Faschismus besteht in seiner Selbstisolierung, Verschlossenheit in sich selbst, der Abwesenheit einer verlockenden internationalen Komponente. Sie stimmen mir doch zu, dass es einer multinationalen Menschheit schwer zu erklären ist, dass deine Rasse die höchste ist und darum das Recht besitzt, über die restlichen zu herrschen.
Für den inländischen Verbrauch in Russland ist nämlich der Punkt über eine feindliche Umgebung sehr nützlich, wo die ganze restliche Menschheit sich ausschliesslich vom Bestreben ernährt, deinem Land und deinem Volk den maximalen Schaden zuzufügen.
Wobei es völlig unverständlich ist, warum die ganze Welt mit der manischen Idee Russland zu schädigen befallen sein sollte; noch weniger verständlich ist, warum zugleich Millionen der Vertreter des „erhabenen russischen Volkes“ in verschiedene Städte der Welt emigrieren, und die restlichen sich um eine zweite Bürgerschaft oder eine Aufenthaltsgenehmigung in einem der so von ihnen ungeliebten Länder bemühen.
Tatsache ist, dass die Mehrheit der Russen (und sogar jene, die erst vor kurzem freiwillig ihre Heimat verlassen haben) seelisch an der restlichen Welt leiden, die sie nicht liebt; oder liebt, aber nicht umsonst; oder ist höflich, aber nicht aufrichtig; oder respektiert, aber sich vor ihnen nicht fürchtet (also nicht genug respektiert).
Dieselbe Mehrheit ist laut Umfragen bereit Freiheit gegen Stabilität einzutauschen, oder hat es schon eingetauscht; sie braucht keine unabhängigen Medien oder ehrliche Wahlen, unterstützt die Besatzungen der Nachbarländer, besonders wenn in diesen Ländern ethnische Russen leben oder wenn diese Staaten vollständig oder nur teilweise irgendwann mal dem alten Rus, Russischem Imperium oder der UdSSR angehörten.
Welche Schlussfolgerungen müssen wir aus all dem ziehen? Man sollte schlussfolgern, dass Russland, das nie unter einer Demokratie lebte (mit Ausnahme der 9 Jelzin-Jahre), in der heutigen historischen Etappe völlig den Kopf verlor und sich dem Faschismus zuneigte. Die Demokraten sind in bedeutender Minderheit geblieben.
Aus der Geschichte wissen wir, dass man mit dem Faschismus nur von der Position der Stärke zu sprechen gezwungen ist, denn weder die in diesen Ländern an die Macht gekommenen Menschen, noch das von ihnen verdummte Volk sind im Stande, selbstständig den Weg des Krieges zu verlassen, wohin sie verschlagen wurden, nicht ganz verstehend, wie todbringend und gefährlich dieser Weg ist, in erster Linie – für sie selbst.
Zu diesem im Grossen und Ganzen skeptischen Gemälde sollte man mehrere hoffnungsträchtige Striche machen. Die Ideologie, die auf dem Hass und der Überlegenheit eines Volkes über dem anderen basiert (zum Beispiel der Russen über den „ärmlichen“ Ukrainern, nach dem Ausdruck des berühmten russischen Schauspielers Oleg Tabakow), ist in der heutigen Welt zur Niederlage verdammt. Arm war am Ende gerade der Faschismus, der den Tod bringt und darum keine Zukunft hat.
Je schneller Russland sich bewusst wird, dass es kein grosser, sondern ein normaler Staat mit seinem keinen erhabenen, sondern einem ganz gewöhnlichen Volk ist, desto kleiner wird der Preis für den Verzicht auf einen weiteren „Goldenen Traum“ sein, in dem Russland nun versunken ist.
Quelle: Yuri Felschtinski in svoboda.org ; übersetzt von Irina Schlegel.




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