
von Juri Nesterenko, einem russisch-amerikanischen Schriftsteller
Das war’s also…
Das von mir vorhergesagte Gespräch hat wohl stattgefunden. Höchstwahrscheinlich ist es noch nicht mal in Brisbane passiert – da haben wir nur seine ersten Resultate beobachtet – sondern etwas früher. Es hat während des 25. Jubiläumsgipfels der APEC in Peking stattfinden können: Tianxia mag symbolische Gesten; wobei die europäischen Anführer dort nicht anwesend waren, aber in unserem Jahrhundert der Telekommunikationen ist es kein allzu großes Problem.
Jedenfalls, während der Botoxzwerg mit dem ihm innewohnenden Takt eines Lumpens aus einem St.Petersburger Hinterhof dem Gastgeber eine Beleidigung zufügte, indem er sich unbeholfen an die Ehefrau des chinesischen Führers heranmachte, haben Obama und Xi Jinping mehrere wichtige Vereinbarungen getroffen. Dabei handelte es sich nicht nur um die Aufhebung der Zollgebühren für Elektronik (den Umfang des chinesischen Elektronikexports können sich doch alle vorstellen, oder?) und eine bedeutende Erleichterung des Visaverfahrens, sondern auch um Vereinbarungen im militärisch-politischen Bereich. Beide Seiten haben sich auf Maßnahmen zur Friedenssicherung im Pazifikraum geeinigt; unter anderem haben sie sich verpflichtet, einander rechtzeitig über bevorstehende Übungen und „andere Aktivitäten“ zu informieren, und sich bereit erklärt, den Ablauf der gemeinsamen Aktivitäten im Falle „möglicher Vorfälle auf See oder in der Luft“ auszuarbeiten.
Das ist natürlich noch kein formelles militärisch-politisches Bündnis, aber die Bedeutung dieser Vereinbarungen sollte man nicht unterschätzen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind die USA und das kommunistische China Hauptrivalen in dieser Region.
Die USA ist der Hauptverbündete aller chinesischen Opponenten: Japan, Taiwan, Südkorea. China wiederum bleibt noch immer (ebenso wie Russland) faktisch der letzte Verbündete Nordkoreas auf der Welt (wobei viel zurückhaltender als es vorher war).
Nichtsdestotrotz haben China und die USA es fertiggebracht, Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu finden – dank der Existenz eines gemeinsamen Feindes, Russland (und vorher in seiner sowjetischen Hypostase).
Nach dem Zerfall der Sowjetunion, während der Phase westlicher Hoffnungen auf eine Demokratisierung Russlands und grandioser Reformen in der chinesischen Wirtschaft, sind die Interessen einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit in den Vordergrund getreten, aber politische Unstimmigkeiten kamen immer wieder zur Sprache. Und jetzt sieht es aus, als ob der alte gemeinsame Feind die zwei Weltgroßmächte wieder vereint, die diesmal das russische Problem endgültig zu lösen bereit sind, zum äußersten Vergnügen aller Beteiligten, inklusive Europa.
Übrigens sollte man die Bedeutung der Beleidigung, die den Chinesen durch Putins „Galantheit“ zugefügt wurde, nicht unterschätzen. In der Politik kann ein Verstoß gegen das diplomatische Protokoll sehr schwere Folgen haben. Zum Beispiel sollten Schweden und die Rzeczpospolita 1653 ein Abkommen über Freundschaft und Bündnis unterschreiben. Als der schwedische König das Abkommen durchgelesen hatte, war er empört darüber, dass nach der Aufzählung all seiner Titel die Worte „etc., etc.“ nur zweimal vorkamen, und nach den Titeln des polnischen Königs aber ganze dreimal.
Als Resultat haben die schwedischen Diplomaten einen zornigen Brief geschrieben, die Polen haben geantwortet, ein Wort gab das andere – und ein Krieg brach aus, der von 1655 bis 1660 andauerte und bezeichnenderweise mit einem Sieg des beleidigten Schweden endete. Ein unserem Thema näheres Beispiel ist der Zar Nikolai I., der in einem Brief den französischen König Louis-Philipp „guter Freund“ nannte, statt „Bruder“, wie es die damalige diplomatische Etikette unter Monarchen vorschrieb.
Er hat es übrigens durchaus bewusst gemacht – er brachte zum Ausdruck, was Dmitry Kisseljow heute „einen Protest gegen die Pariser Junta, die die Macht infolge der Juli-Revolution rechtswidrig an sich gerissen hat“ nennen würde.
Die Situation hat er auch noch durch seine Unlust verschärft, beim französischen Botschafter nach Gesundheit des Königs zu fragen. Die Franzosen sind der russischen Flegelei gerecht geworden, und die begonnene Verschlechterung der Beziehungen zwischen den zwei Ländern mündete schließlich im Krim-Krieg, der sich, wie wir wissen, für Russland in eine schändliche Niederlage und für Nikolai – in den Tod verwandelte (er hat Selbstmord begangen oder er ist einfach nur gestorben, weil er die Erniedrigung nicht ertragen konnte).
Und so haben sich die rationalen Europäer verhalten. Was soll man denn von Chinesen sagen, mit ihrer jahrtausendealten Tradition der strengen Befolgung der Zeremonien und ihren Vorstellungen über den „Gesichtsverlust“!
Dafür, wie ernsthaft die Chinesen beleidigt wurden, spricht nicht nur die Eiligkeit, mit welcher die Ehefrau des chinesischen Anführers Putins Kuscheldecke abgeworfen hat, sondern auch die verzweifelten (obwohl verständlicherweise erfolglosen) Versuche der chinesischen Zensur alle entsprechenden Bilder aus dem Internet zu entfernen. Die Beleidigung wurde somit öffentlich und weltbekannt, was nach Rache schreit.
Natürlich können weder ein „Freund“ statt „Bruder“ noch eine auf die Schulter einer fremden Ehefrau geworfene Kuscheldecke ein alleiniger Grund für den Krieg werden, aber beim Vorhandensein von anderen Faktoren (und wie wir wissen, gibt es diese sehr wohl!) werden auch sie zu wunderbaren Katalysatoren.
Noch ein Erstes – und besser gesagt, eine Trauerglocke, hat für Russland geklungen, als die sehr einflussreiche Agentur Bloomberg die Angaben ihrer weltweiten Umfrage bei internationalen Investoren über die wichtigsten Weltbedrohungen für die Finanzmärkte veröffentlichte. Die führenden Weltinvestoren sind sehr vernünftige und seriöse Menschen, die weder zu einer inkompetenten Hysterie noch zu einer emotionalen Demagogie noch zur leeren Politikasterei neigen. Darum haben nur 5% von ihnen „Ebola“ erwähnt, und sogar der „IS“ hat relativ bescheidene 26% Stimmen bekommen. Russland hat nun endlich den heißbegehrten Platz der wichtigsten Weltbedrohung belegt, indem es 52% der Stimmen bekommen hat.
Nochmal für Begriffsstutzige: Die führenden Weltinvestoren haben Russland als Hauptbedrohung für die Finanzmärkte bezeichnet. Was passieren kann, wenn ein sich verrannter Diktator das solide Business zu gefährden anfängt? Lesen Sie bei Klassiker „Cabbages and Kings“:
„Mit diesem Satz beleidigen Sie meine Regierung!“ rief Signor Espirision aus, empört von seinem Platz aufstehend.
„Dann“, sagte Mr. Fransoni in barschem Ton, „werden wir diesen auswechseln“.
Der Satz wurde keinerlei Veränderungen unterzogen. Hat Mr. Fransoni etwa den Regierungswechsel gemeint?“
Zum wiederholten Male betone ich für die Adepten des inversen Cargokultes: Nein, Geld ist nicht alles. Für Viele im Westen – wenn auch leider nicht für alle – sind die Prinzipien der Freiheit, Demokratie, Gesetzlichkeit an sich wichtig. Wichtig genug, um für sie sogar dann zu kämpfen, wenn es keinerlei materielle Vorteile bringt (wie zum Beispiel in Afghanistan; und mit Hussein und Gaddafi war es eh billiger „sich zu einigen“ als zu Militärkräften zu greifen). Und wenn Ideale und Geschäftsinteressen zusammenfallen, ist die Perspektive für solche, die sich ihnen in den Weg stellen, gänzlich vorhersehbar. Und kurzfristig.
Nach Brisbane, wo Putin bloß noch kein löchriger Löffel gegeben wurde (aber gegessen hat er, wie es sich für einen begossenen Pudel eben gehört, getrennt von den anderen) sind seine Mitläufer alle zu ihrem elenden Paten herbeigelaufen, um ihn zu trösten, und einer davon, S. Schelesnjak (der übrigens den Posten des Stellvertretenden Sprechers im sogenannten russischen Parlament bekleidet, aber von seinem intellektuellen und kulturellen Niveau ein ebensolcher Lump wie sein Herrchen ist) hat in der Live-Sendung bei Solowjew (ein weiterer Kremlpropagandist) folgendes Meisterstück des Scharfsinns abgegeben:
„Mir ist so ein schöner Satz in den Sinn gekommen: Der Premierminister von Australien wollte sich den Präsidenten Russlands zur Brust nehmen, und hat aber am Ende nur das, was tiefer ist, gegriffen“.
Das im Studio versammelte Lumpenproletariat klatschte daraufhin freudig.
Diese Idioten haben selber nicht verstanden, wie Recht er hatte. So ist es: Putin und sein ganzes Bandenimperium wurden an den Eiern gepackt, und nun werden diese mit eiserner Faust immer fester zusammengepresst. Bis zu einem unvermeidlichen und wie es aussieht, einem baldigen Ende.
„That’s the final countdown!“ so hat einst eine Band mit dem symbolischen Namen „Europa“ gesungen.
Quelle: Juri Nesterenko in rufabula.com; übersetzt von Irina Schlegel.





Lesen Sie das Buch "Donbas in Flammen. Reiseführer in die Konfliktzone", das das "Prometheus"-Zentrum herausgegeben hat. Dieses Buch wird sowohl für Journalisten, Forscher, Wehrexperten, Diplomaten als auch alle anderen nützlich sein, die Informationen über den Krieg im Donbas sammeln.