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    Göttliche Rasse…

    on 11/09/2015 | 1 Kommentar | Aktuell | Interviews/Meinungen

    62033von Vitaly Portnikow

    Die Tatsache, wie unterschiedlich in Europa und Russland auf die Flüchtlingskrise reagiert wird, lässt einen über den waschechten Zivilisationsbruch nachdenken, der sich im Laufe der Jahre weiter verschärft.

    Man sollte meinen, die Europäer selbst müssten darüber entsetzt sein, dass solch eine ernsthafte Bewährungsprobe über sie hereingebrochen ist. Doch in Europa richten die Politiker, wie auch die Medien und gewöhnliche Bürger ihre Aufmerksamkeit in erster Linie darauf, wie das Problem gelöst und den Benachteiligten geholfen werden kann. Gejammer über schreckliche Muslime, unhygienische Immigranten und ein sterbendes Europa werdet ihr nicht vernehmen. Und auch wenn ihr das zu hören bekommt – dann in verdächtiger Nähe zur russischen Grenze. Dort, wo vor noch nicht allzu langer Zeit entweder die Sowjetunion oder der Warschauer Pakt bestand.

    In Russland herrschen andere Emotionen. Jemand ist der Meinung, dass das verdammte und verfressene Europa nun am Ende sei, die Flüchtlinge es verspeisen und sich nicht daran verschlucken werden. Jemand ist betrübt, dass es das komfortable „alte Mütterchen“ nicht mehr geben wird: keine Museumsbesuche, kein Gang an den Strand, kein Bummeln durch Mailands Boutiquen – überall werden „die“ sein. Die armen törichten Europäer! Die verstehen nichts. Jetzt werden wir es ihnen erklären!

    Erklärt es nicht, es ist nicht nötig. Europa ist nur deshalb Europa, weil es durch Kriege und Revolutionen zur Achtung des Menschen finden konnte und jedes Mal, wenn das Individuum auf den Staat und das Gesetz trifft, es zu verstehen versucht, wie dem Menschen und nicht dem Staat geholfen werden soll. Deshalb ist es auch so komfortabel und vor allem nicht beschämend in den europäischen Ländern zu leben. Russland dagegen ist nur deshalb Russland, weil es nicht in der Lage war, die richtigen Schlüsse aus den Kriegen und Revolutionen zu ziehen und so erstarrte es auch in der skalosubow-famusowschen Weltvorstellung, die in Europa sogar zu Gribojedows Lebzeiten als anachronistisch galt. (Anm.d.Red. : „Skalosubow“– handelnde Person in A. Gribojedows Lustspiel „Verstand schafft Leiden“. Oberst Skalosub ist ein Vertreter der zaristischen Soldateska, wie sie für die Regierungszeit Nikolaus’ I. typisch war: nur auf Karriere bedacht, unwissend, roh, soldatisch stur, selbstzufrieden; „Famusow“ – handelnde Person im selben Lustspiel. Vertreter der Moskauer Aristokratie und ein höherer Beamter, Typ eines Bürokraten, der nach oben buckelt und nach unten tritt, sich um seinen Dienst wenig kümmert, in seinem Amt Vetternwirtschaft treibt; ein Konservativer, der sich allem Neuen ängstlich verschließt und „Freidenker“ wie die Pest meidet).

    Russland ist nämlich schrecklich veraltet in seiner wahnsinnigen, unbegreiflichen und für ein ehemaliges Imperium unzulässigen Xenophobie, die aus irgendeinem Grund als ein Wertesystem ausgegeben wird, obwohl es neben dem beinahe unverhohlenem Hass gegenüber Fremdem in diesem System nichts anderes mehr gibt. Womöglich liegt das Ganze an der imperialen Geschichte, in der sich die Russen als Kolonialisten über das gesamte Territorium des riesigen Landes bewegten, und sie selbst, infolge der fehlenden elementaren Infrastruktur für die „Übrigen“ und aufgrund von subjektiven Verboten, von kaum jemandem besucht wurden – angefangen bei dem zaristischen Ansiedlungsrayon bis hin zum sowjetischen System der Meldebescheinigungen (Anm.d.Red.: „Propiska“-System – in der Sowjetunion durften die Menschen nicht frei umziehen, sie wurden in einer Stadt gemeldet, und umziehen konnte man nur, wenn man Arbeit in einer anderen Stadt bekam. Die Moskauer Meldebescheinigung zu bekommen war z.B. gänzlich unmöglich, für einen Sowjet war es der Traum, in Moskau gemeldet zu sein). Die Russen lernten ihre Reichsnachbarn erst nach seinem endgültigen Zusammenbruch richtig kennen, als die Migrationswellen der Arbeiter begannen. Und als sie sie antrafen, entwickelten sie eine Abneigung gegen sie. Die Verachtung, mit der in Russland Bewohner aus dem Kaukasus (aus dem russischen mit eingeschlossen) und aus Zentralasien behandelt werden, wird in Europa nur den Neonazis und sonstigen gesellschaftlichen Randsiedlern zuteil.

    Der Russe, der sich angewidert wegdreht von Dunkelhäutigen und Muslimen in dem Europa, das er warum auch immer weiß und arisch sehen möchte – als ob er, ein Russe, nicht der Bezwinger Hitlers, sondern Hitler selbst wäre – begreift gar nicht, dass das echte Europa niemals „weiß“ war. In dessen Süden existierte einst eine phantastische Mischung aus Christen, Muslimen und Juden. Im Osten gab es jüdische Viertel und ganze Städte und ich bitte um Entschuldigung, aber ihre Bewohner unterschieden sich von den restlichen Europäern ungefähr so, wie es die neuen Flüchtlinge tun – durch Kleidung, Sprache, Traditionen, durch alles. Und es gab hunderttausende solcher Menschen. Millionen.

    Im Russischen Reich gab es diese Viertel und Städte auch – im Ansiedlungsrayon. Doch die Staatsmacht zwang diese Menschen unter dem Gejohle des dankbaren Volkes, dessen Großteil nie irgendwelche Juden zu Gesicht bekam, aus dem Land, machte ihr Leben unerträglich. Und sie wurden zu Flüchtlingen, zu ebensolchen, wie es die heutigen Flüchtlinge sind. Und auch sie hatten ihre Schiffe, ihre Opfer, ihre Hoffnungen. Nur nahm sie damals im wesentlichen nicht Europa auf. Diese Menschen wurden letzten Endens zu Mitwirkenden beim Aufbau der heutigen Vereinigten Staaten von Amerika. Und heute gebrauchen die Nachfahren derer, die gejohlt haben, in ihrem alltäglichen Leben die Errungenschaften derer, von denen sie sich mit solch einem Genuss befreiten. Vielleicht ist es genug an Gejohle? Vielleicht ist es Zeit, erwachsen zu werden?

    Das moderne Russland ist ein Staat mit der Mentalität und den Ängsten eines erschrockenen Teenager-Lulatschs. Andernfalls würde seinen Bewohnern in den Sinn kommen, dass unter den Immigranten, die heute versuchen ihren Platz in Europa zu finden, der Vater eines großen Wissenschaftlers, der die Physik revolutionieren wird, oder die Mutter eines genialen Pianisten oder eines berühmten Regisseurs sein könnte. Und vielleicht ist dieser eine berühmte Regisseur oder Schauspieler sogar auf irgendeiner Lampedusa bereits an Land gegangen. Ja, er ist erst fünf Jahre alt, aber er wird überleben und morgen werden diejenigen in Russland, die sich gegenseitig von den „schmutzigen Immigranten“ erzählen, in den Schlangen zu seinen Filmen anstehen. Oder, vielleicht zu den Filmen des Jungen, der gerade eben in der Geburtsklinik bei Moskau von einer Immigrantin aus Usbekistan geboren wurde. Und nebenan könnte der nächste große russische Pianist zu Welt gekommen sein – der Sohn eines Usbeken und einer Kabardinerin (Volk am Kaukasus). Dieser Pianist wird auch einen berühmten Sohn haben, der herausragende Entdeckungen machen wird und das russische Weltraumprogramm wiederbelebt, das während Wladimir Putins letztem Regierungsabschnitt vollends vernichtet wurde.

    Oder seid ihr wirklich der Meinung, dass Genies nur in russischen Familien geboren werden?

    Quelle: Vitaly Portnikow in grani.ru; übersetzt von Kateryna Matey. 

    Tags: EuropaImmigrantenImperiumRussland

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