
Eine inspirierende Rede des 92-jährigen Schimon Peres, des 9. Staatspräsidenten von Israel, die er gestern auf der Jalta Europa Strategie (YES) – Konferenz in Kiew gehalten hat. Er sprach von Faulheit, Mut und dem Wagemut der Hoffnung.
Wir hatten vom eigenen Land geträumt, aber das Land, das wir bekommen haben, war kein Traum. Es war ein kleines Stück, ein Tausendstel des Nahen Osten. Dieser Boden hat uns nicht gut behandelt. Dort waren Sümpfe, Moskitos, im Süden war es eine Wüste, dort waren Steine. Wir haben zwischen Moskitos und Steinen wählen müssen. Es gab dort zwei Seen: eins war tot, der andere lag im Sterben. Es gab einen berühmten Fluss, aber auch in ihm gab es kein Wasser. Es gab eigentlich gar kein Wasser. Keine Naturressourcen gab es: kein Gold, und auch kein Erdöl. Damals sagte man, dass es im Nahen Osten zwei Arten der Länder gibt: die Erdölländer und die heiligen Länder. Unser war heilig, denn es hatte überhaupt nichts.
Wir waren einsam. Wir hatten keinen Religionsbruder, keine Sprachschwester, keinen Geschichtsnachbar. Das alles geschah nach Holocaust. Wir sind dahin gekommen und wussten nicht, was zu tun sei. Wussten es wirklich nicht.
Und dann dachten wir uns: der grösste Reichtum der Natur ist der Mensch. Die Menschen haben die Erde bereichert, und nicht die Erde – das Volk.
Wir sind alle Wissenschaftler geworden. Jeder Bauer in Israel, jedes Stadtviertel fing an zu studieren, wie man Landwirtschaft ohne Wasser, ohne Erde entwickeln kann. Wir fingen an, sie zu entwickeln. Es war die erste Landwirtschaft auf der Welt, die auf Hightech basierte. Ich war damals selbst ein Student an einer landwirtschaftlichen Uni, wir versuchten dort, die Irrigation durchzuführen: wir begossen die Bäume mit heissem Wasser – wir dachten, sie würden so besser wachsen.
Zu unserer Verwunderung stellte sich heraus, dass die Landwirtschaft, die sich nicht nur auf Erde, sondern auch auf Hightech stützt, funktioniert. Wir haben nun genug Wasser. Üblicherweise findet man das Wasser – man fördert es nicht. Und wir fingen aber an, es zu fördern. Und wir waren damit erfolgreich. Wir haben angefangen, das Wasser zu entsalzen, wir suchten nach Gemüse, das nicht so viel „trinkt“, wir beschäftigten uns mit der Selektion. Und hier ist das Geheimnis: für die Zukunft ist es nicht wichtig, was Sie finden, wichtig ist, was Sie produzieren.
Wir hatten weder Menschen noch Waffen, wir haben nie einen Krieg geführt und waren nur 450 000 Menschen, wir hatten keine Generäle und keine Kriegserfahrung. Die UNO beschloss, den Staat Israel zu erschaffen, aber faktisch war es Krieg. Was konnten wir tun? Zwei Sachen.
Erstens, die Menschen mussten tapfer und kühn werden. Sie mussten verstehen, dass sie keine Wahl haben – wir mussten siegen. Wenn wir nur einmal verlieren, ist es das Ende.
Zweitens, da wir keine Waffen hatten, haben wir angefangen sie zu produzieren. Um die Armee zu modernisieren, mussten wir IT entwickeln. Der israelische IT-Sektor arbeitete für die Armee. Denn wir waren allein in einer feindlichen Umgebung.
Wozu erzähle ich Euch das alles? Ich sage den jungen Frauen und Männern noch immer: Freunde, Ihr habt viel mehr als Ihr denkt. Seid nicht faul. Ihr habt viel mehr, als die Erde Euch zu bieten hat. Ihr könnt Sachen produzieren, die Ihr nicht besitzt. Das ist eine Lehre für alle.
Die Ukraine ist eins der wichtigsten Länder der Welt im Bereich der Landwirtschaft. Ihr liefert tatsächlich viel, und Ihr sollt auf die Landwirtschaft nicht verzichten: Ihr könnt und Ihr müsst modernisieren, die Ressourcen vereinen wie auch die Talente Eures Volkes.
Das Potential der Menschen ist riesig. Aber sie sind alle faul. Wenn Ihr etwas erreichen wollt, müsst Ihr arbeiten. Nichts fällt vom Himmel herunter. Wir haben in Israel sehr viel gearbeitet. Was ist schlecht daran? Ich weiss nicht… Die Menschen gehen in den Urlaub – das ist sinnloser Zeitvertreib. Ich bin nun 90, und ich war nie im Urlaub. Mir wird gesagt: „Bist du verrückt? Wie entspannst du dich denn?“ Ich bevorzuge aber zu arbeiten. Und ich bekomme Freude von meiner Arbeit.
Und seid auch keine Pessimisten – das ist auch ein sinnloser Zeitvertreib, besonders in Zeiten der Veränderung.
Man muss der Wissenschaft folgen. Die Wissenschaft hat keine Grenzen, keine Einschränkungen, die Wissenschaft hat keine Reflexion. Die Vergangenheit spielt gar keine Rolle. Studiert sie einfach, damit Ihr die alten Fehler nicht wiederholt. In der Vergangenheit gibt es aber keine Zukunft, und auch keine Hoffnung.
Die Mehrheit der Menschen bevorzugt sich zu erinnern, anstatt sich vorzustellen- und das ist ihr grösster Fehler. Woran wollt Ihr Euch erinnern? An all die Fehler, die bereits begangen wurden? Man kann sich auf die Geschichte nicht verlassen. Die Historiker waren Verkünder der Könige und jener, die an der Macht waren – sie sagten das, was gefordert wurde.
Die Menschen fürchten sich vor irgendwas… Nur der Gott weiss, was mit uns allen wird.
Manchmal werde ich gefragt: wenn Sie zurückschauen, was waren Ihre grössten Fehler? Und ich antworte: wir dachten, dass wir grosse Träume haben. Und nun verstehen wir, dass sie gar nicht mal so gross waren. Träumt von mehr. Je grösser Euer Traum ist, desto mehr werdet Ihr erreichen.
Eure junge Generation ist grossartig. Aber was mich bei ihnen ärgert – sie verachten die Politiker. Sie sagen: die Politik ist korrupt, sie ist nichts für uns. Und ich sage: Ihr seid ehrlich, Ihr wollt ehrliche Politik – dann geht doch und macht ehrliche Politik.
Das sind alles Lehren, die ich selbst aus meiner Vergangenheit gezogen habe. Noch fragen mich die Menschen, wie man aktiv bleiben kann. Das ist sehr einfach. Zählt im Kopf Eure Errungenschaften und Träume zusammen. Wenn es mehr Träume als Errungenschaften gibt – dann seid Ihr noch immer jung. Wenn es umgekehrt ist – seid Ihr alt geworden.
Schimon Peres in seiner Rede in Kiew am 12.09.2015; übersetzt von Irina Schlegel.





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