
von Irek Murtasin, einem Sonderkorrespondenten der „Novaya Gazeta“
Die Krim erlebt gerade eine Renaissance der Verhältnisse wie sie in Russland der 90-er Jahre sehr bekannt waren: Heimische Unternehmen werden von kräftigen Kerlen mit gefälschten Gerichtsbeschlüssen der „Donezker Volksrepublik“ usurpiert.
Inmitten der touristischen Hochsaison fahren am 14. Juli gegen 16:00 Uhr einige repräsentative Autos auf dem Grundstück eines Unternehmens in Jalta vor, welches Kühlräume für Warenlagerung vermietet: „Jaltinskij Chladokombinat“ (russ. „Ялтинский хладокомбинат“). Vermutlich hätte man unter anderen Umständen den ungebetenen Gästen schlichtweg die Einfahrtstore nicht geöffnet. Wäre da nicht der Polizeiwagen, der sie begleitete. Den Autos entstiegen Männer mit breiten Schultern in Uniform mit Abzeichen des privaten Sicherheitsunternehmens „Genbesopasnost“. Nachdem sie die Wachleute neutralisiert hatten, stürmten sie das Büro des Generaldirektors Alexander Kadin, wo sich zu diesem Zeitpunkt ein Vertreter des Unternehmens „Gemini Group Inc.“ aufhielt. Dieses ist in New York durch US-Bürger registriert und hat Anteile von 35 Prozent an dem Unternehmen auf der Krim. Nachdem die Krim an Russland übergegangen war, hatten sich die US-Amerikaner nicht von den Aktien getrennt. Allerdings hatte man die Krim seit dem nicht mehr besucht und einen Manager aus Russland angestellt, der fortan als Vertreter ihrer Geschäftsinteressen agieren sollte. Die Männer, die in das Büro eingedrungen waren, teilten mit, das Werk gehöre jetzt ihnen.
Einer der Besucher stellte sich als Wladimir Petrow vor und behauptete, er sei der Eigentümer des „Jaltinskij Chladokombinat“. Dazu präsentierte er ein Dokument, dem zufolge die Räumlichkeiten des Kombinats an eine Firma aus Simferopol vermietet seien: Nämlich an „Perwaja krimskaja prodovolstvennaja kompanija“, abgekürzt PKPK, welche im Lebensmittelsektor angesiedelt ist. Der 73-jährige Kadin, der dem Unternehmen seit 35 Jahren vorsteht, erkannte den Eigentümer nicht an. Auch der Vertreter des US-amerikanischen Unternehmens erkannte ihn nicht an. Man rief die Polizei. Der „Eigentümer“ hatte derweil keine Absicht auf die Ordnungskräfte zu warten und so mussten die bereits anwesenden Polizisten mit den Mitarbeitern der Sicherheitsfirma „Genbesopasnost“ die Angelegenheit erörtern. Letztere zeigten den Polizisten den Vertrag mit der PKPK. Dieses Dokument hielten die Polizisten für völlig ausreichend um zu erklären, an dem sich abspielenden Geschehen im Unternehmen sei nichts Gesetzwidriges zu finden.
Der Vorsitzende des Aufsichtsrates von „Jaltinskij Chladokombinat“ Sergej Kutschko berichtete der „Novaya Gaseta“:
– Wir haben die Staatsanwaltschaft, die Polizei und den FSB mit Mitteilungen über diese feindliche Übernahme bombardiert (Anm. d. Übers.: Der Begriff geht allgemein über die im deutschen Sprachraum bekannte feindliche Übernahme deutlich hinaus. Die Mittel der Übernahme liegen großteils außerhalb des gesetzlichen Rahmens und können z.B. sowohl Dokumentenfälschungen als auch physische Gewalt oder deren explizite Androhung umfassen). Am 20. Juli erhielt ich einen Auszug vom russlandweiten Grundbuchamt, woraus hervorging, dass in den letzten Wochen keinerlei Änderungen bzgl. der Eigentumsverhältnisse vermerkt sind. Vom Grundbuchamt der Krim erhielten wir am 21. Juli eine Urkunde, die uns das Eigentumsrecht an dem Hauptgebäude zuschreibt. Aber es stellte sich auch heraus, dass dieselbe Behörde auf der Krim am 26. Juni auf Wladimir Petrow (Anm. d. Red.: welcher das Kombinat am 14. Juli heimgesucht hatte) eine Besitzurkunde für das besagte Gebäude ausgestellt hatte. Jedoch stimmte die Flächenangabe nicht mit dem Lageplan bzw. Grundriss überein, woraus wir schlossen, das Dokument sei eine Fälschung.
Wir nahmen die Herausforderung an. Den Unterlagen nach hat Petrow „Jaltinskij Chladokombinat“ am 5. Juli 2015 von einem ukrainischen Staatsbürger, einem gewissen Anatolij Udowitschenko erworben. Niemand im Unternehmen hatte von diesem Namen vorher gehört. Offenbar war Udowitschenko einige Monate vor dem Verkauf „Eigentümer“ geworden basierend … auf einem Entscheid des Landgerichts der Stadt Makijiwka im Donezker Gebiet der Ukraine, vom 8. Januar 2015.
Udowitschenko selbst hat dabei weder den Kauf- noch den Veräußerungsvertrag unterzeichnet. Das tat ein Vertreter, ein gewisser Filippow, welcher eine Vollmacht besaß, die in Kiew ausgestellt worden sein soll.
Ein erstaunlicher Vorgang, aber die Behörden machten sich nicht die Mühe, die Echtheit der Dokumente zu überprüfen. Wie hätte man das auch machen sollen, wenn der vorgebliche Entscheid über den Verkauf von „Jaltinskij Chladokombinat“ von einem Gericht in Makijivwka in der selbsternannten „DVR“ stammt. Anfragen an das Gerichtsarchiv sind problematisch und so übernahm man die Unterlagen in gutem Glauben. Fahnder der Behörde für Wirtschaftskriminalität und Korruptionsbekämpfung in Jalta fanden aber heraus, dass sowohl der Gerichtsentscheid aus Makijiwka als auch die Vollmacht Fälschungen sind. Mehr noch, es stellte sich heraus, dass der ukrainische Staatsbürger Anatolij Udowitschenko bereits 2010 verstorben war…
Die Ermittlungsergebnisse der Fahnder führten am 22. August zur Eröffnung eines Verfahrens in Jalta gemäß dem Paragraph für besonders schweren Betrug. Die Redaktion der Novaya Gazeta ist im Besitz einer Kopie des Eröffnungsbeschlusses (russisch).
Sergej Kutschko geht davon aus, dass seine Mitteilung an die Verwaltung des Präsidenten Russlands die Wende gebracht hat. In Moskau wird man sich wohl sehr darüber gewundert haben, dass die versuchte illegale Übernahme einem Unternehmen auf der Krim galt, dessen Anteilseigner unerschrockene US-amerikanische Investoren sind. Trotz der US-Sanktionen gegen die Krim.
Von der „Novaya Gaseta“ befragte Experten und Unternehmer auf der Krim sagen, die Sache „Jaltinskij Chladokombinat“ sei kein Einzelfall. Der Vorsitzende der öffentlichen Organisation „Tschistyj bereg. Krim“ (russ. „Чистый берег. Крым“) Wladimir Garnatschuk berichtete der „Nowaja“, dass solche Übernahmen nach dem Schema der russischen 90-er Jahre auf der Krim üblich geworden sind:
– Faktisch gibt es ein System, das die feindliche Übernahme jeglicher Firmen ermöglicht. Dies erfolgt mit Hilfe gefälschter Entscheide ukrainischer Gerichte, notarieller Urkunden, Schlägertrupps und enger Zusammenarbeit mit Gerichten.
Mein Kollege Sergej Kanew war im März auf der Krim und brachte von dieser Dienstreise die Information mit, dass nach dem „Frühling der Krim“ dort ungefähr 500 Unternehmen den Besitzer gewechselt haben. Bezeichnend ist, dass Sicherheitsbehörden sich zurückhalten oder in manchen Fällen auf der Seite der Wirtschaftspiraten auftreten. (Anm. d. Übers.: Details dazu sind in einem weiteren Artikel der „Novaya“ auf Russisch verfügbar)
In der Sache „Jaltinskij Chladokombinat“ wird aktuell gegen unbekannt ermittelt. Das Unternehmen selbst ist als Opfer anerkannt, seine Aktien wurden beschlagnahmt und dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates Sergej Kutschko zur „vertrauensvollen Verwahrung“ übergeben.
Quelle: Irek Murtasin in novayagazeta.ru; übersetzt von Viktor Duke.







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