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    A. Piontkowski: Putin spielt in Syrien va banque

    on 02/10/2015 | 0 Comment | Aktuell | Expertenmeinungen | Interviews/Meinungen

    555DFEE44763Fvon Andrei Piontkowski

    Wir sind heute morgen in einem etwas anderen Land aufgewacht. Sergei Borisowitsch Iwanow erklärte uns bescheiden, dass eine Genehmigung für den Einsatz russischer Truppen erteilt wurde. Übrigens, absolut unverständlich wo denn genau. Vielleicht in Syrien, vielleicht aber auch in der Antarktis. Wobei: Als wir der Ukraine den Krieg erklärten gab es eine pompöse Sitzung, und nun versammelte sich der Föderationsrat in aller Stille ich weiss nicht wann (Nachts? Im Keller?) und hat ebendiese Entscheidung getroffen.

    Wozu hat sich Putin in Syrien überhaupt eingemischt? Sein einziges existenzielles Thema bleibt die Ukraine. Und er greift in Syrien nur ein, um die Tagesagenda zu ändern, wie im russischen gesellschaftlichen Bewusstsein so auch auf der Weltarena. In der Ukraine erlitt er eine sehr grosse moralisch-politische Niederlage. Das bezeugt zumindest die Tatsache, dass die Begriffe „Russische Welt“ und „Neurussland“ aus dem medialen und politischen Verkehr faktisch gezogen wurden.

    Alles, was er nun zu tun versucht, ist die Banditen-Lugandonien verzweifelt in den politischen Körper der Ukraine hineinzustoßen, und nicht mal das gelingt ihm so recht. Und das Unangenehmste: dass das alles sein Umfeld versteht. Und das ist die gefährlichste Situation für einen Diktator – eine aussenpolitische Niederlage. Sie stellt in Frage die Autorität seiner Macht. Akela The Lone Wolf traf daneben. Darum muss er jetzt abrupt die Tagesagenda ändern und irgendeinen grandiosen Erfolg in seinem heiligen Kampf gegen die Amis vorweisen.

    Unsere Propaganda sagt, dass es kein Krieg Russlands gegen die Ukraine ist, sondern ein Krieg auf dem Territorium der Ukraine zwischen der russischen und der angelsächsischen Welt, und in erster Linie gegen die USA, und nun versucht sie, die Tagesagenda zu wechseln, zu zeigen, dass der Führer noch hoho! und ein grosser Spieler auf der Weltarena ist. Hat da zwar nicht sonderlich erfolgreich gekämpft, versucht’s aber nun in Syrien.

    Die zweite Aufgabe von Putin ist die Rettung von Assad. Das ist seine manische Idee. In seinem verdrehten Verstand werden die Kräfte des Weltübels folgerichtig „die am meisten prinzipientreuen Kämpfer gegen die einpolare Welt“ vernichten. Erst Gaddafi, dann Assad, Putin ist der Nächste. Auf ihn machte einen grossen Eindruck das Video mit den letzten Minuten des Lebens von Gaddafi, darum hat er geschworen, dass es nie und nimmer Assad zustossen wird.

    Der Arsch von Assad hat für das russische Volk den gleichen sakralen Wert wie Chersones und Putin wird diesen Arsch bis aufs Äußerste verteidigen.

    Ausserdem hat er noch die Hoffnung, den „dümmlichen Obama“ hinters Licht zu führen, so wie er ihn vor zwei Jahren mit der Abrüstung der chemischen Waffen hinters Licht geführt hat, indem er ihm diesen Schutz von Assad als seinen persönlichen Beitrag zur Grossen Aufgabe des Kampfes der Koalition gegen den IS verkauft.

    Und für diese Diensterweisung hofft er einen Preis einzufordern: die Abschwächung der US-Position in Bezug auf die Ukraine. Womöglich sogar eine Abschaffung der Sanktionen. Und hier sind wir wieder bei der Ukraine, denn denken tut er nur an diese.

    BhLdRVJCUAAGVJDDas ist so das Paket der Ziele. Aber er verkauft Luft. Er hat überhaupt nichts anzubieten. Er wurde bei uns zu so einem Wehrexperten, der Oberst Putin. Er kritisiert letzte Zeit immer und immer wieder die Amerikaner, indem er davon spricht, dass sie mit Luftangriffen nichts erreichen werden und dass man für den Kampf gegen den IS Bodenoperationen braucht. Richtig. Und, ist er bereit dazu? Wenn er 90 000 Soldaten für die Ausführung einer Bodenoperation entsenden würde, würden die Amerikaner das durchaus gnädig betrachten – irgendjemand muss ja die Drecksarbeit machen, und womöglich würden sie sogar bezüglich der Ukraine Zugeständnisse machen.

    Aber Putin schwört seit zwei Tagen, dass es keine Bodenoperation geben wird. Denn er hat verstanden, dass die russische Gesellschaft das weder versteht noch verzeiht.

    Die erste Panzerbrigade, die er zum Kampf gegen den IS entsendet, wird ihn selbst stürzen. Darum ist es unverständlich, was er denn den Amerikanern zu bieten beabsichtigt. Einen Luftangriff? Wozu brauchen sie einen Luftangriff? Sie haben selber so viel Luftwaffe, dass sie 24 Stunden am Tag diese Angriffe ausführen können. Deine Flugzeuge braucht niemand.

    Daher auch diese dämliche Aktivität, die eigentlich kein einziges seiner Probleme lösen, dafür aber Schwierigkeiten schaffen wird. Er will keine Bodentruppen entsenden, denn er versteht, dass es eine innenpolitische Katastrophe wäre, ebensolche wie zu seiner Zeit Afghanistan für die UdSSR.

    Wegen seiner Entscheidung Assad zu beschützen kann er allmählich in den Sumpf des Krieges abrutschen, und wenn Assad fällt, wird es für Putin zu einem noch grösseren Schlag und Gesichtsverlust als die Ukraine. Und zwei solche Niederlagen wird er nicht überstehen.

    Und noch ein Umstand. Als er auf der UN-Versammlung auftrat, brüstete er sich damit, dass er eine eigene Koalition gebildet hat – eine Art Koalitionsrat in Bagdad, an dem Iran, Irak, Syrien und Russland teilnehmen. Interessante Zusammensetzung ist da in seiner „antihitlerischen Koalition“, wie er sie nennt: die „Armee der Wächter“ der islamischen Revolution in Iran, die Schiiten-Miliz in Bagdad und Hisbollah. Alles ausgekochtesten Terroristen.

    In dem religiösen Krieg, der im Grunde im Nahen Osten zwischen Schiiten und Sunniten läuft, stellt sich Putin eindeutig auf die Seite der Schiiten und beabsichtigt, ihnen zu helfen. Das wird unverzüglich ernsthafte Reaktion der Dschihad-Kämpfer der sunnitischen Richtung hervorrufen, wobei diese Reaktion in Russland selbst kommen wird, das sehr angreifbar ist. Um seiner persönlichen Ambitionen willen, nach der Niederlage in der Ukraine und in Rettung seiner Macht erhöht er wie ein Hasardeur im Casino plötzlich seine Sätze und lässt sich auf ein neues Kriegsabenteuer ein, das mit nicht minder ernsthaften Niederlagen einhergeht.

    Quelle: Andrei Piontkowski in kasparov.ru; übersetzt von Irina Schlegel

    Tags: GEOPOLITIKPiontkowskiRusslandSyrien

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