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    Andrej Piontkowski: Der Vierte Weltkrieg

    on 11/08/2014 | 2 Comments | Aktuell | Expertenmeinungen | Interviews/Meinungen

    Andrej Piontkowski, russischer Politologe, ein Artikel in Echo Moskaus

    Dank der Freundlichkeit zweier Kremleierköpfe – des Moskauer “Liberalen” Karaganow (Vedomosti) und des New-Yorker Apologeten vom “guten Hitler bis 1938” Migranjan (Expert) können wir uns nun ziemlich gut die Argumente der “Friedenspartei” und der “Kriegspartei” vorstellen, die miteinander um die Ehre konkurrieren, möglichst meisterhaft das Schulterchen des Lieblingsführers zu küssen und ihn für die eigene prinzipielle Haltung zu gewinnen.

    Es wird darüber diskutiert, auf welchem Wege es effektiver wäre, die Ukraine weiterhin zu strangulieren: mit ökonomisch-diplomatischen oder mit offen militärischen Mitteln. Der nationale Führer müsste sich in den nächsten Tagen und sogar Stunden festlegen und seine Wahl treffen.

    Schwer zu sagen, ob er ein Demiurg oder ein Opfer der verrückten Welt ist, die durch das russische TV kreiert wird, aber all die Generäle und Oberstleutnante abzuschütteln, die er als Darsteller der “zur Verzweiflung getriebenen Donbas-Einwohner” geschickt hat, wird für ihn schon unvereinbar mit dem politischen Leben sein. Die Versuche, sich mit dem Westen auf irgendeine Formel zu einigen, die sein Gesicht retten könnte (Kolesnikows Depesche), sind ohne Antwort geblieben.

    Die “Friedenspartei” bietet ihm im Grunde eine langweilige und jämmerliche Agonie eines erfolglosen Politikers an. Für Chruschtschow nach der Kubakrise hatte sie zwei Jahre gedauert (1962-1964). Beim jetzigen politischen und informativen Tempo werden die Jahre zu Monaten zusammenschrumpfen.

    Die “Kriegspartei” bietet ihm ein weitaus romantischeres und inspirierenderes Szenario an: Den Vierten Weltkrieg der sich erhebenden orthodoxen Russischen Welt gegen die verdorbene dekadente angelsächsische Welt. Über diesen Krieg wie über einen bereits stattfindenden Krieg erzählen uns schwärmend die Gäste in den TV-Shows von Solowjew, Mamontow und Kisseljow.

    Klingt sehr patriotisch. Aber bevor man unseren orthodoxen Dschihad als falsch-gläubig einstuft, wäre es nicht schlecht, sich mal dafür zu interessieren, wie viele Divisionen der Papst hat, sprich der geistige Führer der Russischen Welt. Denn kein Staat, kein Regime wird einen Krieg anfangen, wenn er fest davon überzeugt ist, dass er ihn verlieren wird. Der Führer und sein Generalstab müssen irgendeine Strategie im Kopf haben, deren Realisation sie in ihrer Vorstellung zum Sieg führt. Versuchen wir doch, uns mit diesem Vorhaben mal vertraut zu machen.

    Erste Ebene der Eskalation: Der Wirtschaftskrieg. Niederschmetternde Überlegenheit der dreisten Angelsachsen und ihrer europäischen Anhängseln. Diese Höhe lassen wir mal aus.

    Zweite Ebene: Der konventionelle Krieg. Gewaltige, ausschlaggebende Überlegenheit des Westens. Lassen wir aus.

    Dritte Ebene: Atomkrieg. Ernstzunehmende psychologische Überlegenheit des Russlands Putins. Ich habe schon mehrmals über die Natur dieser Überlegenheit gesprochen. Aber man hat mir nur unaufmerksam zugehört. Also, von dieser Stelle dann noch mal ausführlich und Silbe für Silbe.

    In seiner berühmten Krimrede (Sudetenrede) hat Putin alle vagen kollektiven geopolitischen Phantasmen der russischen politischen “Elite” in klaren Konzepten verwirklicht: zertrennte Nation, Sammlung der ureigenen Territorien, Russische Welt. So wurde die Vorladung zum Vierten Weltkrieg formuliert. Und dies ist keine Vorladung zur Erhaltung des Status Quo. Sogar die dezenteste praktische Realisation der ambitionierten Idee der “Sammlung der russischen Territorien” wird die Veränderung der Staatsgrenzen zumindest zweier NATO-Mitgliedsstaaten einfordern: Lettland und Estland.

    пионтковскийUnd welche Instrumente, abgesehen von der berühmten “Geistigkeit”, könnte denn ein Staat für eine erfolgreiche Konfrontation mit dem NATO-Block und die Annexion von Territorien seiner Mitgliedsstaaten einsetzen, der der NATO in der wirtschaftlichen Entwicklung, auf der wissenschaftlich-technologischen Ebene und im Potential an konventionellen militärischen Kräften vielfach unterlegen ist?

    Nur die Atomwaffen. Aber, werden Sie fragen, ist es denn nicht allgemein bekannt, dass sich Russland und die USA im Bereich der Atomwaffen genau wie ein halbes Jahrhundert zuvor in einer Pattsituation der Doktrin der Gegenseitig Garantierten Vernichtung (Mutual assured destruction) befinden, und folglich der Atomwaffenfaktor aus den strategischen Berechnungen ausgeschlossen werden kann?

    Die Sache ist, dass es nicht ganz so ist, beziehungsweise GAR nicht so ist. Die Doktrin der gegenseitig garantierten Vernichtung hat nur eins, das verheerendste, Szenario des militärischen Konflikts zwischen zwei Atommächten in Betracht gezogen: den totalen Krieg. Eine Seite verübt einen Massenanschlag auf die Städte und Atomwaffeneinrichtungen des Gegners, im Bestreben, diese zu neutralisieren. Die Gegenseite antwortet mit den kriegshinterbliebenen Raketen auf den Konfliktinitiator.

    Der Kapazitätsbestand beider Seiten, dem Gegner einen unzumutbaren Schaden zuzufügen (den Tod von Millionen seiner Bürger), auch im Falle eines Vergeltungsschlages (also der Gefahr des gegenseitigen Selbstmordes) hat beide Gegner von dieser Handlungsweise abgehalten.

    Aber die Militäranalytiker beider Länder haben längst daraufhingewiesen, dass dieses Szenario, das die Grundlage der MAD darstellt, nicht alle möglichen Varianten des Atomwaffeneinsatzes ausschöpft. Wenn sich zwischen zwei Ländern irgendein politischer Konflikt zuspitzt, der allmählich in eine militärische Konfrontation übergeht, kann eine von beiden Seiten ihre Atomwaffen in beschränkter Menge gegen einzelne gegnerische Ziele anwenden. Vor welcher Wahl wird dann die politische Führung der anderen Seite stehen? Einen massiven Atomschlag auf die Städte des Gegners verüben? Aber das Resultat (siehe oben) wird der gegenseitige Selbstmord sein. Nicht die beste Variante. Kapitulation im ursprünglichen politischen Konflikt? Auch eine wenig attraktive Perspektive.

    Somit versteckt sich unter der einlullenden Decke der “strategischen Stabilität” eigentlich ein unerforschter Bereich der potenziell gefährlichen Szenarien für Kernkonflikte. Bestimmte Reflexionen haben diese Überlegungen im Konzept des “beschränkten Atomkrieges” gefunden, das von der Reagan-Verwaltung in den ersten Jahren seiner Regierungszeit erstellt wurde. (Siehe Gelowani, Piontkowski “Die Evolution des Konzepts der strategischen Stabilität. Atomwaffen im XX. und XXI. Jahrhundert”. Moskau 1997, zweite Auflage Moskau 2008)

    Im Großen und Ganzen haben aber die UdSSR und die USA nach ihrer existenziellen Erfahrung der Kuba-Krise eine direkte militärische Konfrontation gemieden, die zu einer Eskalation des Konflikts auf der nuklearen Ebene hätte führen können.

    Theoretisch aber ist klar, dass in einer volatilen geopolitischen Situation die Atommacht, die auf eine Änderung des Status Quo orientiert ist, einen größeren politischen Willen zu so einer Veränderung besitzt, eine größere Gleichgültigkeit gegenüber dem Wert eines Menschenlebens (des eigenen wie auch der anderen) entgegenbringt, sowie einen bestimmten Anteil an Abenteuerlust besitzt, ernsthafte außenpolitische Resultate allein durch die Androhung der Anwendung oder einer beschränkten Anwendung von Atomwaffen erzielen kann.

    Denn die nukleare Strategie ist ja nicht nur die trockene mathematische Analyse der Schlagabtauschszenarien, sondern weitgehend auch ein dramatisches psychologisches Duell.

    So setzt sich Putins Agenda für den Vierten Weltkrieg nicht die Zerstörung der verhassten USA zum Ziel, was man ja nur durch den gegenseitigen Selbstmord erreichen könnte. Diese Agenda ist weitaus bescheidener, noch jedenfalls: maximale Erweiterung der Russischen Welt, Zerfall des NATO-Blocks, Diskreditierung und Erniedrigung der USA als den Sicherheitsgaranten des Westens. Im Grunde ist dies eine Revanche für die Niederlage der UdSSR im Dritten (Kalten) Weltkrieg, genauso wie der Zweite Weltkrieg der Revancheversuch Deutschlands für die Niederlage im Ersten war. Ein Hundertjähriger Krieg (1914-2014) in vier Akten mit einem Epilog.

    Schauen wir uns doch in diesem Kontext ein von mir erstelltes, viel unter den Experten besprochenes, durchaus mögliches Szenario des Vierten Weltkrieges an. Im Zuge der Realisation des geistig erhellenden Konzepts der Sammlung von ureigenen russischen Territorien, das von W.Putin in seiner historischen Rede am 18. März 2014 bekanntgegeben wurde, werden die mit einem einzigartigen genetischen Code beschenkten, leidenschaftlichen russischsprachigen Einwohner von Narva (Estland) ein Referendum über den Anschluss an die Russische Welt durchführen. Für die Realisation der Ergebnisse ihrer Willensbekundung werden auf das estnische Territorium bis an die Zähne bewaffnete grüne Männchen entsendet, mit Abzeichen oder ohne, die dann geschäftig neue Grenzmarkierungen setzen. Wie wird in so einer Situation der aggressive NATO-Block agieren?

    Dem Schlüsselartikel des 5. Statuts dieser Organisation müssen alle seine Mitgliedsstaaten eine sofortige militärische Unterstützung für Estland erweisen. Manche von diesen Staaten haben technische Möglichkeiten einer Eliminierung von Eindringlingen innerhalb einer halben Stunde mittels ferngesteuerter Feuereinwirkung. Eine Absage der Estland-Verbündeten, ihren Pflichten nachzugehen, wird ein Ereignis von historischer Bedeutung werden: Es wird das Ende der NATO, das Ende der USA als Weltmacht und eine vollständige politische Dominierung des putinschen Russlands nicht nur im Areal der Russischen Welt, sondern im ganzen europäischen Kontinent bedeuten. Trotzdem ist die Antwort auf die Frage, ob die NATO Estland im Falle seiner nachbarschaftlichen Vergewaltigung seitens einer Atommacht beschützt, gar nicht so offensichtlich.

    Yuri Felschtinski, zum Beispiel, der Autor eines interessanten Artikels “Die Welt ist nicht verrückt”, sagt Folgendes: “Und hier werden wir dann tatsächlich vor der Bedrohung eines Krieges zwischen Russland und der NATO stehen, wobei Putin sich sicher sein wird, dass die NATO keinen Krieg wegen den Baltischen Staaten anfangen, kein Risiko einer Atomkatastrophe eingehen wird… So wie Hitler wird er denken, dass der Westen kalte Füße bekommt. Das werden sie aber nicht (was die westlichen Demokratien, wie auch Putin, noch gar nicht wissen)”.

    Wissen Sie, das ist der seltene Fall, wo ich mehr dazu neige, mit Putin und Hitler einverstanden zu sein, als mit Felschtinski. Zumal nach Felschtinski die westlichen Demokratien noch gar nicht wissen, wie sie in einer kritischen Situation reagieren werden. Putin weiß aber, dass sie wissen, dass er, sobald sie Estland zur Hilfe kommen, mit einem sehr beschränkten Atomschlag antworten kann. Er vernichtet, zum Beispiel, zwei europäische Hauptstädte. Kein London oder Paris, selbstverständlich. Wer weiß, wie man in Verzweiflung reagieren kann, nach so einem Angriff, auch eine kleine Atommacht.

    Und nun versetzen Sie sich an die Stelle des Nobelpreisträgers Obama. Er ist der Einzige, der sich irgendwie in den plötzlich zugespitzten Konflikt eines niemandem in Amerika bekannten, verflucht soll es sein, Städtchens namens Narva einmischen kann. Und die ganze progressive aber auch reaktionäre amerikanische Gesellschaft wird ihm einstimmig zurufen: “Wir wollen nicht für das fucking Narva sterben, Mr. President!”

    Übrigens, dieselbe Meinung vertritt auch die Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands, wo es vor kurzem eine soziologische Umfrage zum Thema: “Soll Deutschland seinen Bündnisverpflichtungen nachgehen, im Falle einer militärischen Konfrontation mit Russland?”. 70% der friedliebenden deutschen Bürger haben geantwortet: “Nein, Deutschland muss eine neutrale Position in diesem Konflikt einnehmen”.

    Putin beobachtet seine westlichen Partner schon seit einiger Zeit und empfindet tiefe Verachtung für sie. Wie soll er sie sonst wahrnehmen, wenn sich die Kanzler und Premierminister des Großen Europas in eine Schlange stellen, um für jämmerliche 2 Millionen Euro im Jahr Lakaien an seinen Tankstellen zu sein? Oder nachdem Putin zusammen mit Assad alle westlichen Anführer wie kleine Kinder mit dem Chemieangriff beschissen hat, indem er die Tagesordnung für die syrische Krise gänzlich auswechselte: aus Assad, einem Henker der Sunniten-Gemeinde, wurde schlagartig ein respektabler Staatsmann, der sich mit der ehrenhaften Aufgabe der chemischen Abrüstung beschäftigt.

    Putin hatte Obama mit seinen Red Lines damals durchgerechnet – und heute hat er seine ehemaligen Partner aus der G8 durchgerechnet. Er ist überzeugt, dass er sie in potenziellen militärischen Konflikten überspielen kann, die auf dem Weg zur Realisation der großen Idee der Russischen Welt entstehen werden, ungeachtet dessen, dass Russland der NATO im Bereich der üblichen Militärausrüstung um vielfaches unterlegen und der USA im Kernwaffenbereich auch nicht überlegen ist. Wir werden mit unserem Willen alles erstürmen! Mit Willen und Dreistigkeit. “Wie soll ein Schüler gegen die Assis vorgehen”, die dazu auch noch mit Atomwaffen umgürtet sind und bei jeder Gelegenheit an diesen Gürtel erinnern? Wenn der Genosse Kim Chen In nur mit einem Eimer Atombrühe die ganze “zivilisierte Welt” um sich herum tanzen lässt, welche Possen kann denn der Herr Krim Put In mit dieser Welt treiben, der ja ein enormes Atomarsenal besitzt?

    Der Plan eines Vierten Weltkrieges der Russischen Welt gegen die Angelsächsische ist dreist, paradox, abenteuerlustig – und hat aber Chancen auf Erfolg.

    Davon abgesehen bleibt im Falle einer Niederlage in Putins Tasche immer die Unentschieden-Variante: Die klassische Gegenseitig Garantierte Vernichtung, radioaktive Asche namens Kisseljow. Das Verständnis dieses Umstands und die wachsende Einsicht dessen, mit wem sie es gerade zu tun haben, wird eine paralysierende Wirkung auf seine “Partner” im zukünftigen Vierten Weltkrieg ausüben. Das tut es jetzt schon.


    Quelle: Andrej Piontkowski, russischer Politologe, ein Artikel in Echo Moskaus; übersetzt von Irina Schlegel

    Tags: AtomkriegEuropaIntelligenzPiontkowskiRussische IntelligenzijaRussland

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    2 Responses to “Andrej Piontkowski: Der Vierte Weltkrieg”

    1. 08/11/2014

      Andrej Piontkowski- Putin spielt Atomwaffenpoker - BurkoNews.info (Deutsch)BurkoNews.info (Deutsch)

      […] Hier gibt es einen anderen Artikel von ihm, wo er detaillierter über den Plan Putins spricht: Andrej Piontkowski “Der Vierte Weltkrieg” […]

    2. 13/11/2014

      Andrej Piontkowski- Das Triptychon des Willens - BurkoNews.info (Deutsch)BurkoNews.info (Deutsch)

      […] Weitere Texte des Autors: A.Piontkowski “Putin spielt Atomwaffenpoker” und “Der Vierte Weltkrieg” […]

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