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    Entschuldigen Sie mich trotzdem…

    on 18/08/2015 | 1 Kommentar | Aktuell | Interviews/Meinungen

    Ein erschütternder Text eines Russen, Arkadi Babtschenko – eines russischen Journalisten und Schriftstellers…

    Ab einem bestimmten Moment ist mir absolut egal geworden, was mit diesem Land passieren wird. Mehr noch, nicht einfach nur egal, ich bin nicht einfach nur gleichgültig geworden, sondern… Obwohl … Die Staatsanwaltschaft verbietet mir das zu sagen, was ich tatsächlich diesbezüglich denke.

    Ich kann in diesem Land nichts ändern, in dem Zweidrittel der Bevölkerung ihr eigenes Gehirn aufgefressen haben, in dem der Zombie-Kasten die Menschen in ein nicht-denken-wollendes-schreiendes Protoplasma mit Schaum vor dem Mund verwandelt hat – und wenn es nur ein Nicht-denken-und-handeln-wollendes gewesen wäre! Nein! In dem 100 Millionen fanatischer faschistisierender Zombies auf die Oberfläche ausgekrochen sind, in dem Ehefrauen ihre gefallenen Männer für Geld fallenlassen, in dem sich Eltern von ihren gefangengenommenen Söhnen durch ihr Schweigen lossagen und Kinder zum Grab ihres in der „Kursk“ ertrunkenen Vaters mit dem Porträt ebenjenen Menschen kommen, der sagte: „Es ist ertrunken“. Und über die zehn Dollar sagte er auch – ihre Mütter, die Ehefrauen der Ertrunkenen, seien Nutten für zehn Dollar – das sagte er, der Mensch, dessen Porträt sie nun auf ihrem T-Shirt tragen.

    Es ist mir scheissegal, wie es passiert ist. Scheiss auf die Gründe, aus welchen die Menschen ihr Gehirn aufgefressen haben. Scheiss drauf. Interessiert mich nicht.

    Mir tut es nicht mal mehr Leid, dass ich kein Land mehr habe. Dieses Territorium, das mit Menschen bevölkert ist – das ist nicht mein Land.

    Wobei… was soll’s – es war schon immer so. Sie hatten ein Jahrzehnt der Freiheit, von 1991 bis 2000, sie haben diese Freiheit nicht erkämpft – sie wurde ihnen gegeben, für nichts, for free – lebt nur, baut eure Zukunft! Aber sie können nicht frei leben, sie fürchten sich davor frei zu leben, und diese gratis erlangte Freiheit haben sie bei der ersten Gelegenheit mit der größten Freude zurück gegen die „Macht-Vertikale“, das Gaunerverhalten, die Stabilität, die Größe, den KGB-Oberst, die Stalin-Portraits und das KrimUnser! zurückgetauscht. Selber. Brachten ihnen diese Freiheit auf einem Teller mit blauem Rand. Zusammen mit der Leine und einem Maulkorb.

    Es ist mir egal, wie es so kommen konnte. Egal, was mit ihnen passiert.

    Egal, was mit diesem Territorium passiert – ja, genau – Territorium, denn ein Land ist es nicht, genauso wie es auch keine Nation ist – nur eine Gruppe zertrennter erboster Zombies, die jeden hassen, der nicht ihrem Rudel angehört. Scheiss drauf.

    Das Leben im Ghetto trägt nicht zur Liebe zu diesem Ghetto bei.

    Ich kann nichts ändern, obwohl – Gott sehe – ich habe es versucht. Ich habe wirklich versucht. Und wenn dieses Land allein in eine Grube fallen würde – das wäre nur halb so schlimm.

    Aber es reicht ihm nicht, nur seine eigenen Bürger zu töten. Es muss ja auch fremde töten. In Panzern nicht nur die eigenen Kinder verbrennen, sondern auch die fremden. Die Zombies wollen sich nicht nur gegenseitig töten. Die Zombies wollen Menschen töten.

    Ja, das Imperium zerfällt vor unseren Augen, nach historischem Maß dauert es nicht mehr lange, und was danach kommt – ob der nächste blutige Bürger-Fleischwolf, das Erdöl im Austausch gegen die Lebensmittel, oder die Außenführung, China vom Meer zum Meer, oder eine Gruppe der gebrochenen orthodoxen Banditen-DVR-LVR, von der sich die ganze restliche Welt mit einer Betonwand abschotten wird, die Atom-Keule im voraus endlich abgenommen, ob es der orthodoxe oder der echte IS und das unvermeidlich auf ihn folgende Mittelalter im direkten Sinne dieses Wortes sein werden – was danach kommt ist nun egal. Wie genau dieses Territorium sterben wird – das ist nicht mehr wichtig. Mir nicht mehr.

    Erschreckend ist nur, dass der Mordor bei seinem Verenden noch Tausende und dann noch mal Tausende von Leben normaler Menschen mitziehen wird.

    Ich kann in diesem Land nichts mehr ändern. Ich habe es versucht. Wir haben es versucht. Sie sind in der Mehrheit. Sie sind zu viele. Sie sind Millionen.

    Trotzdem: Entschuldigen Sie mich.

    Arkadi Babtschenko; übersetzt von Irina Schlegel. 

    Tags: BabtschenkoOppositionRusslandSchuld

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    One Response to “Entschuldigen Sie mich trotzdem…”

    1. 31/05/2018

      Ein genialer Coup: Wie der Russe Babtschenko und der ukrainische SBU den Kreml hinters Licht führten - InformNapalm (Deutsch) Zum Antworten anmelden

      […] Entschuldigen Sie mich trotzdem… […]

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