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    Kiryll Martynow: „Darüber wird nicht diskutiert!“

    on 18/09/2014 | 0 Comment | Aktuell | Interviews/Meinungen

    von Kiryll Martynow, einem russischen Philosophen und Publizisten  

    Autoritäre Regime sind schlecht informiert. Wenn politische Entscheidungen nur von EINEM Mensch getroffen werden oder von einem geschlossenen „engen Kreis“, entstehen unvermeidliche Probleme mit dem Expertenwissen. Für jeden Experten, der einen Vortrag für den Führer hält, lohnt es sich, nicht die reale Information an ihn heranzubringen sondern diese im für ihn besten Licht auszulegen. Je näher an der Spitze der Obrigkeit, desto weniger weiß der Chef. Seine Untergebenen verschonen ihn mit allen Kräften vor der Wahrheit („Russland liebt nur Sie, Eure Hoheit, Sie sind Russland!“) Aus diesen Experten entstehen zusammengelötete Kollektive von Lieblingen, die nur die angenehmsten Sachen sagen, und als Gegenleistung von den autoritären Regimen Bonusse bekommen. Enden wird es immer schlecht, wie für ein autistisches politisches Regime, so auch für das Stammgut, das es regiert hat.

    In verschiedenen historischen Epochen hat man verschiedene eigene Methoden für Bekämpfung dieser Tendenz angewendet. Zum Beispiel hat Genosse Stalin versucht, die erblichen Schwierigkeiten des Autoritarismus mit einem Repressionenkarussell zu kompensieren. Der Fachmann hat sich gerade erst auf seinem Platz gemütlich gemacht, und schon wird er in die Lubjanka transportiert. Präsident Putin in seiner zweiten und der Amtszeit Medwedews hat sich, nachdem er das Parlament endgültig ausgepresst hatte, an die Erschaffung der beratenden Stellen wie der Gesellschaftskammer Russlands (lasst uns daran denken, wie viele davon in den Regionen gestempelt wurden) oder das „Strategie-2020“-Forum gemacht.

    Man nahm an, dass sich auf solchen Spielfeldern die kompetentesten Experten versammeln werden, die im Gegensatz zu einem realen Parlament keinen Machtanspruch verfolgen und ihre Subordination einhalten werden. Sie werden Muster der realen Diskussionen und Argumente nach oben bringen. Die Obrigkeit wiederum wird mithilfe der seit den stalinistischen Zeiten traditionellen Aussendung von Signalen die Expertengesellschaft leiten, wird aus ihr wie aus dem Kaffeesatz wahrsagen. Das hat auch mit den Investoren ineinandergegriffen, für die offene Expertentagungen auf dem Niveau der persönlichen Sympathien wie Merkmale eines modernen dynamischen Russlands aussahen. Und auch mit einem liberalen ökonomischen Regierungsblock, gegen das man zwar viele Beanstandungen vorbringen kann, das aber dennoch das Staatsbudget professionell und rechtzeitig ausgeglichen hat.

    All diese Liberalen, Intellektuellen, süßstimmigen Schwätzer sind nun Vergangenheit. Sehen Sie, sogar in den 1930ern gab es mit Müh und Not irgendwelche gesellschaftlichen Diskussionen. Jetzt ist alles auf Null zusammengeschrumpft. Wie wurde die Diskussion „Krim ist unser“ geführt? Wer bestimmt das Ausmaß der Intervention in die Ukraine? Woher kam die Liste der Lebensmittel, die unter die russischen „Sanktionen“ fallen? Heute wird absolut jede zufällige und willkürliche Regierungsentscheidung dem entgeisterten Publikum als die einzig richtige und mögliche präsentiert, und alle Versuche, sie zu beanstanden, werden als Verrat an der Nation aufgefasst. Die panischen Erwartungen zum Thema „was richten die denn noch an“ sind damit verbunden, dass die Menschen keinerlei Ahnung haben – weder vom Prozess der Entscheidungsfindung noch wofür diese getroffen werden.

    Die einzige Funktion, die noch immer den Experten vorberhalten bleibt, ist gerade zu BEGRÜNDEN (was gar keine triviale Aufgabe ist), warum die eine oder andere Entscheidung exzellent ist. Die russischen Talkshows rufen einem satirische Szenen aus „Monty Python“ ins Gedächtnis.

    Die Spielfelderanzahl, auf denen man öffentlich über diese Sachlage wenigstens staunen könnte, schrumpft rapide zusammen.

    Das Schicksal Russlands wird im Rahmen des dichten Isborski-Clubs (Anmerkung: ein innen- und außenpolitischer Expertenclub, dessen Vorsitzender Prochanow ist, auf der Homepage des Clubs werden auch Texte von A.Dugin veröffentlicht), dieses selbsterklärten Think-Tank-Clubs, skizziert. Prochanow eilt mit einem roten Ordner zu einem persönlichen Treffen. Sein Russland ist kein Platz für Diskussionen. Das Staatsregierungsmodell ist in die Epoche von Wassili dem Blinden zurückgeworfen worden


    Quelle: Kirill Martynow für Novaya Gazeta; übersetzt von Irina Schlegel

    Tags: autoritäres RegimeOppositionPutinRussland

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