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    Russlands Drohnenbedrohung 2026–2027 und Lehren aus der Ukraine für die NATO

    on 2026-09-01 | 0 Comment | Aktuell | Gesellschaft | OSINT
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    Russlands Drohnenbedrohung 2026–2027

    Russische Angriffsdrohnen werden schneller, autonomer und schwerer abzuwehren. Die Erfahrungen der Ukraine zeigen, dass die Luftverteidigung der Zukunft mehr leisten muss, als anfliegende Ziele abzuschießen. Ein möglichst vollständiges Lagebild, eine kurze Reaktionskette von der Aufklärung bis zur Bekämpfung und die Fähigkeit, russische Raketen und Drohnen auszuschalten, bevor sie zum Einsatz kommen, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Für Europa ist das zu einer konkreten sicherheitspolitischen Herausforderung geworden.

    Der Krieg in der Ukraine zeigt ein wiederkehrendes technologisches Muster. Sobald eine Abwehrmaßnahme ausreichend wirksam wird, passt Russland seine Systeme und Einsatzverfahren an die ukrainischen Verteidigungsmaßnahmen an.

    Russische Angriffsdrohnen entwickeln sich rasant

    Die Ukraine hat in den vergangenen Jahren ein umfassendes Abwehrsystem gegen propellergetriebene Angriffsdrohnen der Typen Shahed-136 und Geran-2 aufgebaut. Dazu gehören Flugabwehrraketensysteme, mobile Flugabwehrtrupps, elektronische Kampfführung, Kampfflugzeuge und Abfangdrohnen. Russland reagiert darauf mit schnelleren und technisch weiterentwickelten Angriffsdrohnen.

    Der ukrainische Militärgeheimdienst HUR bezeichnet die jetgetriebene Angriffsdrohne Geran-4 als direkte Reaktion auf die gestiegene Wirksamkeit ukrainischer Abfangdrohnen. Die Geran-4 ist nicht einfach eine ältere Konstruktion, die nachträglich mit einem Strahltriebwerk ausgerüstet wurde. Sie wurde von Grund auf für deutlich höhere Geschwindigkeiten ausgelegt.

    Die Geran-5, die Russland bereits gegen die Ukraine eingesetzt hat, zeigt, wie sich diese Entwicklung fortsetzt. Ihre Marschgeschwindigkeit wird mit 450 bis 600 Kilometern pro Stunde angegeben, der Gefechtskopf mit rund 90 Kilogramm, die Reichweite mit bis zu 950 Kilometern und die maximale Flughöhe mit bis zu sechs Kilometern. Das System verfügt über störgeschützte Satellitennavigation, Telemetrieübertragung und ein Modem für ein Mesh-Netzwerk.

    Mit höheren Geschwindigkeiten, größeren Gefechtsköpfen und robusteren Navigationssystemen verschwimmt die Grenze zwischen Einweg-Angriffsdrohnen und vergleichsweise kostengünstigen Marschflugkörpern zunehmend.

    Angriffsdrohnen Geran-4 und Geran-5

    Interaktive Modelle der Geran-4 und Geran-5 in Unterlagen des ukrainischen Militärgeheimdienstes und von War&Sanctions.

    Russische jetgetriebene Angriffsdrohne des Typs Geran-5

    Russische jetgetriebene Angriffsdrohne des Typs Geran-5 am 9. Mai 2026. Quelle: OTS LIVE und Militarnyi.com.

    Europa muss sich auf die nächste Generation der Drohnenbedrohung einstellen

    Europa riskiert einen gravierenden Fehler, wenn es seine Luftverteidigung an der russischen Taktik ausrichtet, mit der die Ukraine vor zwei oder drei Jahren konfrontiert war, oder an den Systemen, die Russland heute einsetzt. Die Beschaffung militärischer Systeme dauert häufig mehrere Jahre. Unbemannte Systeme an der Front können dagegen innerhalb weniger Monate angepasst werden. Ein System, das heute gegen eine langsame Drohne gut funktioniert, kann deshalb bereits auf eine überholte Bedrohung zugeschnitten sein, wenn es in größerem Umfang eingeführt wird.

    Die Planung für 2026 und 2027 muss sich daher an der Richtung orientieren, in die sich die russischen Systeme entwickeln, und nicht an einzelnen Modellen wie Geran-4 oder Geran-5.

    Die Entwicklung betrifft mehrere Bereiche:

    • Höhere Geschwindigkeiten, größere Flughöhen und schwerere Gefechtsköpfe
    • Autonomere Navigation und verbesserte Zielerkennung
    • Höhere Widerstandsfähigkeit gegen elektronische Kampfführung und den Ausfall von Satellitensignalen
    • Koordinierter Einsatz unterschiedlicher Drohnentypen, Täuschziele und Raketen innerhalb desselben Angriffs
    • Kürzere Reaktionszeiten zwischen Zielerfassung und Bekämpfung auf beiden Seiten

    Nicht jedes künftige System wird all diese Eigenschaften gleichzeitig aufweisen. Entscheidend sind die Entwicklungsrichtung und die Geschwindigkeit, mit der Russland seine Systeme verändert.

    Zeit wird zum entscheidenden Faktor der Luftverteidigung

    Ein schnelles Ziel bekämpfen zu können, reicht nicht. Es muss früh genug erkannt werden. Je schneller sich eine Rakete oder Drohne bewegt, desto schwerer wiegt jede Sekunde, die zwischen Erfassung und Bekämpfung verloren geht. Entscheidend wird deshalb sein, wie wenig Zeit vom ersten Erfassen eines Ziels bis zu seiner Bekämpfung vergeht.

    Der gesamte Ablauf von der Erfassung und Klassifizierung über die Entscheidung und Zielzuweisung bis zur Bekämpfung muss so schnell wie möglich erfolgen. Radar allein reicht dafür nicht aus. Daten aus Radar sowie optischen und akustischen Sensoren, luftgestützten Systemen, Satelliten und weiteren Informationsquellen müssen zu einem gemeinsamen Lagebild zusammengeführt werden. Anschließend müssen die Informationen ohne Verzögerung an das Waffensystem gelangen, das das Ziel am schnellsten und kostengünstigsten bekämpfen kann.

    Die Informationsverarbeitung muss stärker automatisiert werden. Der Mensch behält eine entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung. Abläufe, die technische Systeme innerhalb von Sekundenbruchteilen erledigen können, sollten jedoch nicht von manueller Bearbeitung abhängig sein. Die Ukraine befindet sich bereits mitten in diesem technologischen Wandel.

    Die NATO verfügt über deutlich größere Möglichkeiten zur Aufklärung und Überwachung als die Ukraine. Dazu gehören Satellitenaufklärung, luftgestützte Aufklärung, Signalaufklärung, AWACS, moderne Kampfflugzeuge und eine umfangreiche Kommunikationsinfrastruktur. Entscheidend ist, wie schnell die gewonnenen Informationen ausgewertet und in Entscheidungen und militärisches Handeln umgesetzt werden können.

    Russische Raketen und Drohnen lassen sich ausschalten, bevor sie zum Einsatz kommen

    Selbst eine sehr leistungsfähige Luftverteidigung greift erst ein, nachdem Russland eine Rakete oder Drohne hergestellt, zum Einsatzort gebracht, vorbereitet und eingesetzt hat. Bei massierten Angriffen muss der Verteidiger Hunderte oder Tausende anfliegende Ziele erkennen und bekämpfen. Gleichzeitig kann Russland seine Produktion steigern und fortlaufend nach billigeren Möglichkeiten suchen, die Luftverteidigung zu überlasten.

    Die Abwehr von Luftangriffen darf sich deshalb nicht auf Ziele beschränken, die sich bereits in der Luft befinden. Präzisionsangriffe können sich gegen jene Teile des russischen Militärsystems richten, die solche Angriffe überhaupt erst ermöglichen. Dazu gehören Produktionsstätten für Raketen und Drohnen, Lager, Start- und Abschussplätze, unterstützende Infrastruktur, militärische Logistik, Führungsstellen sowie die Verbände, die Angriffe vorbereiten und durchführen.

    Die NATO baut entsprechende Fähigkeiten bereits aus. Auf Bündnisebene ist anerkannt, dass die wachsende Bedrohung durch weitreichende Angriffe neben einer leistungsfähigen Luft- und Raketenabwehr auch die Fähigkeit erfordert, weit entfernte militärische Ziele präzise zu treffen. Im Jahr 2026 starteten die Alliierten multinationale Projekte zur Entwicklung bodengebundener Präzisionswaffen großer Reichweite und von Angriffsdrohnen für Einsätze über große Entfernungen.

    Ein einzelnes Flugabwehrsystem kann in der Regel nur eine begrenzte Zahl anfliegender Ziele bekämpfen. Wird dagegen ein wichtiger militärischer Knotenpunkt ausgeschaltet, bevor der nächste Angriff vorbereitet wird, kann der Einsatz einer wesentlich größeren Zahl von Raketen und Drohnen verhindert werden.

    NATO entwickelt Präzisionsangriffe gegen weit entfernte Ziele

    Die NATO baut Fähigkeiten für Präzisionsangriffe gegen weit entfernte Ziele als Ergänzung zur Luft- und Raketenabwehr aus. Quelle: Nato Multinational Capability Cooperation.

    Russland versucht, Europas Verteidigung schon vor einem offenen Konflikt zu schwächen

    Russland verfolgt seit Langem den Ansatz, militärische Mittel anzugreifen, bevor sie zum Einsatz kommen können. Raketen, Drohnen und die für ihren Einsatz erforderliche Infrastruktur können bereits im Vorfeld getroffen werden. Auf Europas Verteidigungsfähigkeit überträgt Russland denselben Ansatz, indem es Produktion, Logistik und Infrastruktur angreift oder auf andere Weise beeinträchtigt.

    In der Nacht zum 31. August 2026 kam es bei WB Electronics in der polnischen Stadt Skarżysko-Kamienna in der Region Świętokrzyskie zu einem Brand. Das Unternehmen gehört zu den größeren polnischen Herstellern von Verteidigungs- und Drohnensystemen und produziert unter anderem Komponenten für FlyEye und Warmate.

    #Russia has long been waging #war against #Europe. And it is operating according to the logic of Left of Launch — seeking to strike defense production before the weapons can even be deployed. https://t.co/FhrkLh4Sy8

    — InformNapalm (@InformNapalm) September 1, 2026

    Die polnische Staatsanwaltschaft stellte fest, dass der Brand vorsätzlich mithilfe einer Vorrichtung mit leicht entzündlichem Material gelegt worden war. Ermittelt wird wegen des Verdachts auf Tätigkeit für einen ausländischen Nachrichtendienst sowie wegen Straftaten mit terroristischem Bezug. Eine russische Beteiligung an diesem konkreten Vorfall war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht offiziell bestätigt.

    In anderen Fällen liegen deutlichere Hinweise auf mutmaßliche russische Sabotageaktivitäten vor. Eurojust teilte im März mit, dass 22 Personen in Litauen und Polen im Verdacht stehen, für den russischen Militärgeheimdienst gearbeitet zu haben. Bei den Ermittlungen geht es um Pakete, die sich selbst entzündeten und Brände in Logistikzentren in Deutschland, Polen und Großbritannien verursachten.

    Russische Aktivitäten richten sich auch gegen Fabriken, Transportwege und andere Infrastruktur, die für die Versorgung der Streitkräfte der NATO-Staaten mit Waffen und militärischem Material von Bedeutung ist. Angriffe auf diese Strukturen können Europas Verteidigungsfähigkeit bereits lange vor Beginn einer offenen militärischen Auseinandersetzung zwischen Russland und der NATO beeinträchtigen.

    Die Ukraine trägt bereits heute zur Verteidigung Europas bei

    Die NATO muss nicht erst auf einen direkten russischen Angriff auf die baltischen Staaten, Polen oder einen anderen Mitgliedstaat warten, bevor russische Militärinfrastruktur zum Thema wird. Sollten russische Raketen und Drohnen in großem Umfang gegen Städte in NATO-Staaten eingesetzt werden, müssten europäische Regierungen unter völlig anderen politischen und militärischen Bedingungen über Angriffe auf russische Militärziele entscheiden.

    Schon heute lässt sich ein Teil dieser Aufgabe angehen, indem die Fähigkeit der Ukraine gestärkt wird, russische Militärziele in großer Entfernung zu treffen. Die Ukraine kämpft gegen dasselbe russische militärisch-industrielle System, das im Fall einer künftigen Konfrontation Raketen, Angriffsdrohnen und andere Waffen für den Einsatz gegen die NATO produzieren würde. Unterstützung für diese Fähigkeiten trägt damit zugleich zur Verteidigung Europas bei.

    Eine russische Rakete oder Drohne, die in einem Militärdepot zerstört wird, muss später weder über Kyjiw noch über einer anderen Stadt in der Ukraine oder der Europäischen Union bekämpft werden. Sie kann auch nicht für einen künftigen Krieg eingelagert werden. Werden militärische Produktionskapazitäten zerstört, muss Russland Zeit und Ressourcen in deren Wiederaufbau investieren, anstatt seine Bestände weiter zu vergrößern.

    Werden die Vorbereitungen für einen größeren Angriff gestört oder abgebrochen, können Dutzende oder Hunderte Raketen und Drohnen gar nicht erst zum Einsatz kommen. Eine immer kostspieligere Luftverteidigung allein kann die russische Bedrohung deshalb nicht bewältigen. Auch Russlands Fähigkeit, Raketen und Drohnen herzustellen, zu lagern, einzusetzen und zu steuern, muss eingeschränkt werden.

    Russland nutzt diesen Ansatz bereits, um Europas Verteidigungsfähigkeit vor einem offenen Konflikt zu schwächen. Für die europäische Verteidigungsplanung bedeutet das, dass der Schutz der eigenen Rüstungsindustrie und Logistik gemeinsam mit der Luftverteidigung und der Unterstützung der Ukraine betrachtet werden muss.

    Europa muss aus den Erfahrungen der Ukraine lernen

    Die Ukraine zahlt einen hohen Preis für die Erfahrungen, die sie in diesem Krieg sammelt, und passt ihre Verteidigung fortlaufend an neue Bedrohungen an. Für die NATO stellt sich die Frage, wie schnell diese Erfahrungen in Planung, Beschaffung und technologische Entwicklung einfließen können. Die Drohnentechnik entwickelt sich schneller als viele klassische militärische Beschaffungsprozesse.

    Russlands Vorgehen in Europa muss zugleich im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Ukraine betrachtet werden. Versuche, Produktion, Logistik und Infrastruktur zu treffen, bevor Waffen das Gefechtsfeld erreichen, folgen derselben militärischen Logik wie Angriffe auf Raketen, Drohnen und andere militärische Ressourcen vor ihrem Einsatz. Für die Ukraine wäre es von erheblicher Bedeutung, Starlink auch für Drohneneinsätze über russischem Territorium nutzen zu können, Waffen größerer Reichweite zu erhalten und bei Angriffen auf russische Militärinfrastruktur weniger politischen Beschränkungen zu unterliegen. Das würde ihre Möglichkeiten erweitern, russische Militärziele in großer Entfernung anzugreifen.

    Es ist deutlich billiger und sicherer, Start- und Abschusssysteme, Lager, Führungsstellen und Produktionsstätten für Raketen und Drohnen auszuschalten, darunter Alabuga in der russischen Republik Tatarstan, bevor Hunderte oder Tausende dieser Waffen zum Einsatz kommen. Solche Maßnahmen können das Risiko verringern, dass die baltischen Staaten, Polen und andere Länder an der NATO-Ostflanke künftig vor denselben Problemen stehen, mit denen die Ukraine bereits konfrontiert ist.

    Von Andrij Lisitsyn für InformNapalm.


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    Tags: Drohnen och Luftverteidigungelektronische KampfführungEuropäische SicherheitGeran-4Geran-5MilitärtechnologieNATONATO-OstflankeRaketenabwehrRusslandRüstungsindustrieShahed-136Ukraine

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