
Die Verhandlungen zwischen der Ukraine, Russland und den Vereinigten Staaten in Abu Dhabi wurden ausgesetzt, während Russland seine Angriffe auf zivile Infrastruktur intensiviert.
Die Gespräche am 24. und 25. Januar 2026 gelten als das erste trilaterale Treffen seit der russischen Invasion im Jahr 2014. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Gespräche als konstruktiv. Nach Berichten russischer staatlicher Medien wurden die Verhandlungen jedoch ohne konkrete Ergebnisse unterbrochen. Konsultationen sollen in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. Eine weitere Gesprächsrunde ist für den 1. Februar in Abu Dhabi vorgesehen.
Verhandlungsformat und institutionelle Begrenzungen
Die Wahl Abu Dhabis als Verhandlungsort verweist auf den begrenzten institutionellen Rahmen der Gespräche. Die Verhandlungen finden außerhalb Europas sowie außerhalb etablierter europäischer und euroatlantischer Strukturen statt, wodurch der unmittelbare institutionelle Einfluss der EU eingeschränkt wird.
Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich in den vergangenen Jahren als diplomatischer Vermittler positioniert, indem sie funktionierende Beziehungen sowohl zu westlichen Staaten als auch zu Russland und zur Ukraine aufrechterhalten. Das Land gilt als neutraler Verhandlungsort ohne formelle sicherheitspolitische Verpflichtungen gegenüber einer der beteiligten Parteien.
Das gewählte Gesprächsformat schließt eine direkte Beteiligung der Europäischen Union aus, obwohl diese ein zentraler politischer, wirtschaftlicher und militärischer Unterstützer der Ukraine ist. Dadurch wird die Einbindung langfristiger europäischer Sicherheitsfragen in den laufenden Verhandlungsprozess begrenzt.
Die Gespräche in Abu Dhabi stellen damit ein weiteres Beispiel dafür dar, dass zentrale diplomatische Prozesse im Zusammenhang mit dem Krieg außerhalb europäischer Institutionen geführt werden, obwohl der Konflikt die europäische Sicherheitsordnung unmittelbar betrifft.
Umfangreiche russische Angriffe während der Verhandlungen
In der Nacht zum 24. Januar wurde die Ukraine Ziel eines umfangreichen Angriffs. Nach Angaben der ukrainischen Führung setzte Russland mehr als 370 Drohnen sowie 21 Raketen ein, die auf Kyjiw und weitere Regionen gerichtet waren. Die Angriffe trafen kritische Infrastruktur und führten zu weitreichenden Stromausfällen.
Nach Angaben des stellvertretenden Leiters des Präsidialamtes, Oleksij Kuleba, waren infolge der Angriffe rund 1,2 Millionen Haushalte ohne Stromversorgung. In Kyjiw waren etwa 800.000 Abonnenten betroffen, während in der Region Tschernihiw rund 400.000 Haushalte ihre Stromversorgung verloren. In Charkiw wurde gemeldet, dass eine Entbindungsstation getroffen wurde. Unter den Verletzten befand sich ein Kind.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha erklärte, die Angriffe seien vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen als gezielte Eskalation zu werten. Sie richteten sich nicht nur gegen die Zivilbevölkerung, sondern untergrüben zugleich den diplomatischen Prozess.
Territoriale Fragen als zentrales Verhandlungshindernis
Die territoriale Frage stellt weiterhin das zentrale Hindernis in den Verhandlungen dar. Russland hält an seinen Forderungen nach vollständiger Kontrolle über die Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja fest, einschließlich jener Gebiete, die derzeit noch unter ukrainischer Kontrolle stehen. Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow bestätigte, dass Russland weiterhin den Abzug ukrainischer Streitkräfte aus dem Donbas fordert.
Putin erklärte gegenüber der US-amerikanischen Delegation im Vorfeld der trilateralen Gespräche, dass ohne Klärung der territorialen Fragen keine Lösung zu erwarten sei. Nach Angaben seines Beraters Jurij Uschakow wurde bislang kein tragfähiger Kompromiss zu den Territorialforderungen erzielt, auch wenn einzelne US-amerikanische Vorschläge erörtert wurden.
Präsident Selenskyj bestätigte während des Weltwirtschaftsforums in Davos, dass die territoriale Frage ungelöst bleibt. Er erklärte zugleich, dass zwischen der Ukraine und den Vereinigten Staaten Einigkeit über Sicherheitsgarantien nach einem möglichen Kriegsende erzielt worden sei. Details zu diesen Garantien wurden nicht veröffentlicht.
Militärische Lage und Kräfteverhältnis
Russland setzt seine militärischen Operationen entlang mehrerer Frontabschnitte fort. Nach Einschätzungen von Analysten des Zentrums für Osteuropastudien befinden sich russische Besatzungskräfte in der Nähe von Wowtschansk und Kupjansk in der Region Charkiw sowie bei Pokrowsk in der Region Donezk. Zudem wurden begrenzte russische Vorstöße in der Region Saporischschja gemeldet, bei denen bestehende Verteidigungslinien durchbrochen wurden.
Diese territorialen Gewinne wurden unter hohen militärischen Verlusten erzielt. Nach Angaben des Analyseprojekts DeepState brachte Russland im Jahr 2025 zusätzliche 4.366 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums unter seine Kontrolle, was etwa 0,75 Prozent der Gesamtfläche der Ukraine entspricht.
Parallel dazu wurden an mehreren Frontabschnitten erhebliche russische Personalverluste gemeldet. Obwohl Angaben zu Gefallenen und Verwundeten je nach Quelle variieren, deuten übereinstimmende Auswertungen offener Quellen darauf hin, dass die Verluste in keinem angemessenen Verhältnis zum territorialen Zugewinn stehen.
Die Ukraine hielt im gleichen Zeitraum ihre Fähigkeit zu Gegenangriffen aufrecht. In der Nacht zum 24. Januar griffen ukrainische Streitkräfte ein Öllager in der russischen Region Pensa an. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs kam es infolge des Angriffs zu einem Brand. Die Ukraine führt wiederholt Angriffe auf russische Energieanlagen durch, um Exporteinnahmen sowie die Treibstoffversorgung der russischen Streitkräfte zu beeinträchtigen.
Energieinfrastruktur als strategisches Angriffsziel
Angriffe auf Energieinfrastruktur stellen einen zentralen Bestandteil der russischen Militärstrategie dar und betreffen in erheblichem Maße die ukrainische Zivilbevölkerung. Nach dem Angriff vom 9. Januar 2026, bei dem Russland Berichten zufolge hypersonische Oreschnik-Raketen einsetzte, war rund die Hälfte der Wohngebäude in Kyjiw ohne Wärmeversorgung. Insgesamt waren etwa 6.000 Gebäude betroffen.
Die ukrainische Hafenbehörde berichtete, dass Russland im Jahr 2025 insgesamt 96 Angriffe auf Hafeninfrastruktur in der Region Odessa durchgeführt habe. Dies entspricht nahezu einer Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr. Am 23. Januar 2026 traf eine russische ballistische Rakete den Kai des Hafens Tschornomorsk, an dem ein unter maltesischer Flagge fahrendes Schiff lag. Mehrere Container wurden zerstört, Öl trat aus.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete den Einsatz der Oreschnik-Raketen als Eskalation gegenüber der Ukraine und als Signal an die Vereinigten Staaten und Europa. Die Europäische Kommission kündigte an, 447 Notstromaggregate an die Ukraine zu liefern, um die Stromversorgung kritischer Einrichtungen, darunter Krankenhäuser, zu sichern.
Die wiederholten Angriffe auf zivile Infrastruktur haben langfristige Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Das Gesundheitssystem steht unter zunehmender Belastung durch wiederholte Schäden an medizinischen Einrichtungen, Stromausfälle sowie Personalausfälle in den betroffenen Regionen.
Während der Wintermonate verschärfen Stromausfälle, unzureichende Wärmeversorgung und eingeschränkter Zugang zu Wasser die humanitäre Lage zusätzlich, auch in Gebieten fernab der aktiven Frontlinien.
Angriffe auf die Energieinfrastruktur tragen zudem zu sekundären Bevölkerungsbewegungen bei, darunter temporäre Evakuierungen und verstärkte Binnenmigration.
Diplomatische Dynamik ohne Waffenstillstand
Die aktuelle Entwicklung bestätigt die Einschätzungen aus einem InformNapalm-Beitrag vom 29. Dezember, wonach ein Waffenstillstand ohne territoriale und sicherheitspolitische Lösung das Risiko birgt, die russische Besatzung zu verfestigen, anstatt den Konflikt zu beenden.
Der gegenwärtige Verhandlungsprozess ist primär auf die Verwaltung strategischer Positionen und Sicherheitsforderungen ausgerichtet und nicht auf die kurzfristige Herstellung eines Waffenstillstands.
Trotz fortgesetzter diplomatischer Kontakte wurde bislang kein Waffenstillstand erreicht. Die Verhandlungen verlaufen parallel zu laufenden militärischen Operationen. Ein Waffenstillstand würde die militärische Lage zu einem Zeitpunkt einfrieren, der von keiner der beteiligten Parteien als vorteilhaft eingeschätzt wird.
Nach Angaben US-amerikanischer Regierungsvertreter gegenüber Reuters seien etwa 90 Prozent der offenen Fragen zwischen der Ukraine und Russland geklärt. Die territorialen und souveränitätsbezogenen Fragen verblieben jedoch bei den Konfliktparteien. US-Außenminister Marco Rubio erklärte, es seien Fortschritte erzielt worden, zugleich bestehe weiterhin erheblicher Klärungsbedarf.
Der schwedische Ministerpräsident Ulf Kristersson erklärte im Vorfeld der Gespräche, es lägen keine Hinweise darauf vor, dass Russland seine grundlegende Haltung zu einem Frieden mit der Ukraine geändert habe. Er betonte die Notwendigkeit realistischer Erwartungen.
Logik eines andauernden Konflikts
Die Entwicklung deutet auf einen anhaltenden Konflikt hin, in dem militärische Operationen und diplomatische Kontakte parallel fortgeführt werden. Der Verhandlungsprozess weist keinen zeitlich definierten Endpunkt auf. Russland hat signalisiert, militärische Operationen fortzusetzen, bis die eigenen Forderungen erfüllt sind.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass die laufenden Verhandlungen bislang keine Verringerung der russischen militärischen Aktivität bewirkt haben. Diplomatische Kontakte werden parallel zu anhaltenden Angriffen auf ukrainisches Territorium und zivile Infrastruktur geführt.
Der Verhandlungsprozess findet somit ohne etablierten Waffenstillstand und ohne Änderungen der russischen territorialen Forderungen statt. Militärische Entwicklung und diplomatischer Prozess verlaufen derzeit auf getrennten Ebenen.
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