
Generalmajor Nikolai Warpachowitsch führt einen russischen Verband mit strategischen Bombern. Ukrainische Behörden verdächtigen ihn der Beteiligung an mehreren Raketenangriffen auf zivile Ziele. Dazu gehört auch der Angriff auf die größte spezialisierte Kinderklinik der Ukraine in Kyjiw. Am 3. September 2026 wurde er bei einem Mordanschlag in Russland schwer verletzt.
Am 3. September 2026 gegen 07.00 Uhr wurde ein hochrangiger russischer Offizier Ziel eines Mordanschlags. Der Angriff ereignete sich in der Siedlung Probuzhdenije außerhalb der Stadt Engels in der Region Saratow. Der Offizier gehörte den russischen Luft- und Weltraumkräften an. Mehrere Quellen nennen Generalmajor Nikolai Warpachowitsch als Ziel des Anschlags. Er kommandiert die 22. schwere Bomberfliegerdivision der Fernfliegerkräfte, Militäreinheit 06987. Der Verband ist dem Luftwaffenstützpunkt Engels-2 zugeordnet.
Russische Ermittlungen zum Mordanschlag und ukrainischer Kriegsverbrechensverdacht
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung haben die russischen Behörden den Verletzten noch nicht offiziell namentlich genannt. Das russische Ermittlungskomitee hat den Angriff bestätigt und ein Strafverfahren wegen versuchten Mordes und illegalen Umgangs mit Waffen eingeleitet. Nach Angaben des Komitees wurden am Tatort außerdem Projektile und Patronenhülsen sichergestellt. Nach der medizinischen Erstversorgung wurde der schwer verletzte Offizier per Flugzeug nach Moskau gebracht.
Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang, was drei Tage zuvor, am 31. August 2026, geschah. Der ukrainische Sicherheitsdienst SBU und die Generalstaatsanwaltschaft teilten Warpachowitsch in Abwesenheit mit, dass er wegen eines Kriegsverbrechens verdächtigt werde. Der Verdacht betrifft den Angriff auf Ochmatdyt, die größte spezialisierte Kinderklinik der Ukraine in Kyjiw. Zwischen den Ereignissen besteht ein eindeutiger zeitlicher Zusammenhang. Verifizierte Hinweise auf eine ukrainische Beteiligung am Mordanschlag liegen jedoch nicht vor. Ebenso fehlen Belege für einen Zusammenhang zwischen dem Anschlag und dem neuen Tatverdacht.
Identifizierung russischen Flugpersonals mittels OSINT
Nach Beginn des russischen Lufteinsatzes in Syrien identifizierte InformNapalm im November 2015 Besatzungsmitglieder strategischer Bomber des Typs Tu-160. Darüber hinaus wurde Personal des 6950. Garde-Luftwaffenstützpunkts in Engels in Russland identifiziert. Die Tu-160 und Tu-95MS des Verbandes wurden in Syrien zum Abschuss der Marschflugkörper Ch-55SM, Ch-555 und Ch-101 eingesetzt.
Im Jahr 2016 veröffentlichte InformNapalm umfangreiches Material mit Angaben zu 116 russischen Piloten und Navigatoren. Dahinter stand der Gedanke, dass sich einzelne Beteiligte nicht hinter militärischen Strukturen oder russischen Offiziersrängen verbergen sollten. Sie sollten sich auf diese Weise nicht ihrer individuellen Verantwortung entziehen können. Ziel war daher, einzelne Personen zu identifizieren und eine Grundlage für individuelle Verantwortung zu schaffen.
Die Veröffentlichung von Angaben über Besatzungsmitglieder der russischen Luft- und Weltraumkräfte löste 2016 heftige Reaktionen in russischen Medien aus. Dort wurde das Material als Weitergabe geheimer Informationen bezeichnet. Gleichzeitig versuchte das russische Außenministerium, über diplomatische Kanäle Druck auf Staaten mit Servern für Spiegelversionen von InformNapalm.org auszuüben. Das Ministerium forderte die Abschaltung der Website. Die Versuche blieben jedoch erfolglos. Die ursprüngliche Veröffentlichung enthielt in diesem Zusammenhang außerdem ein eingebettetes YouTube-Video.
Im März 2021 sprach InformNapalm eine direkte Warnung aus. Offiziere der Fernfliegerkräfte, die InformNapalm während des russischen Einsatzes in Syrien identifiziert hatte, könnten in einem umfassenden Krieg eingesetzt werden. Sie könnten dabei an Angriffen auf die Ukraine beteiligt sein. Weniger als ein Jahr später trat genau die Entwicklung ein, vor der InformNapalm gewarnt hatte.
Warpachowitschs Rolle in Russlands strategischen Fernfliegerkräften
Nikolai Warpachowitsch, Jahrgang 1970, ist Berufsoffizier der russischen Fernfliegerkräfte. Nach Angaben des ukrainischen Militärnachrichtendienstes HUR ist er auf den Flugzeugmustern Tu-95MS und Tu-95MSM ausgebildet und verfügt über entsprechende Erfahrung. HUR zufolge besitzt er zudem die russische Qualifikationsstufe „Militärpilot der Scharfschützenklasse“ und hat mindestens 2.500 Flugstunden absolviert.

Im Dezember 2014 wurde Warpachowitsch zum Leiter des 43. Zentrums für Gefechtseinsatz und Umschulung des fliegenden Personals der Fernfliegerkräfte ernannt. Das Zentrum befindet sich in Djagilewo bei Rjasan in Russland. Nach Angaben des ukrainischen Militärnachrichtendienstes übernahm Warpachowitsch im November 2021 das Kommando über die 22. schwere Bomberfliegerdivision. Das vollständige Dienstprofil des ukrainischen Militärnachrichtendienstes zu Warpachowitsch enthält weitere Angaben zu seiner militärischen Laufbahn.
Dokumentierte Führungsfunktion und Angaben zum Tod seines Sohnes
Die InformNapalm-Recherchegruppe OSINT Bees veröffentlichte im September 2022 weitere Angaben zu Warpachowitsch. Demnach war er Kommandeur der schweren Garde-Bomberfliegerdivision und zugleich Garnisonskommandant in Engels. Er wird außerdem in einer späteren OSINT-Veröffentlichung zur Führungsstruktur des Stützpunkts der Fernfliegerkräfte in Djagilewo erwähnt. Seine Identität und seine Führungsfunktion waren somit bereits seit mehreren Jahren öffentlich dokumentiert, als der Mordanschlag erfolgte.
Zu seinem persönlichen Hintergrund gehört auch ein weniger bekanntes Ereignis. OSINT Bees berichtete 2023 über den jüngeren Sohn des Generals, Wladislaw Warpachowitsch, Jahrgang 2002. Er starb während seines Wehrdienstes bei der Militäreinheit 41521 in Rjasan. Veröffentlichte Kopien rechtsmedizinischer Unterlagen wiesen eine durchgehende Schussverletzung am Kopf aus. In der psychologischen und psychiatrischen Beurteilung, die OSINT Bees wiedergibt, wird ein schwer belasteter psychoemotionaler Zustand beschrieben.
Bei der Militäreinheit 41521 handelt es sich um dasselbe 43. Zentrum in Djagilewo, das Warpachowitsch mehrere Jahre lang leitete. Anschließend wurde er zum Luftwaffenstützpunkt Engels versetzt. Das öffentlich zugängliche Quellenmaterial reicht jedoch nicht aus, um die Todesumstände zweifelsfrei zu beurteilen. Es lässt sich nicht feststellen, ob es sich um Suizid, eine vorsätzliche Tötung oder eine andere Todesursache handelte. Ebenso fehlen Belege für die Annahme, der Vorfall sei eine Vergeltungsaktion gegen Warpachowitsch wegen der Tätigkeit seines Vaters gewesen. Eine solche Annahme kann daher nicht als Tatsache dargestellt werden.
Die größte Kinderklinik der Ukraine und Informationen aus der Division
Ochmatdyt ist das nationale spezialisierte Kinderkrankenhaus der Ukraine in Kyjiw und zugleich das größte Kinderkrankenhaus des Landes. Das Krankenhaus behandelt Kinder aus der gesamten Ukraine. Zum Leistungsspektrum gehören unter anderem chirurgische und intensivmedizinische Versorgung sowie die Behandlung von Krebs- und Bluterkrankungen. Am 8. Juli 2024 wurde das Krankenhaus von einer Rakete getroffen. Zwei Menschen kamen ums Leben, darunter eine Ärztin. Mehrere Gebäude wurden beschädigt oder zerstört.
Am 13. Mai 2024 veröffentlichte HUR die Ergebnisse einer systematischen Identifizierung von Kommandeuren und Angehörigen der 22. schweren Bomberfliegerdivision. Dabei handelt es sich um die Militäreinheit 06987 am Luftwaffenstützpunkt Engels. Nach Angaben des HUR waren die identifizierten Personen an der Planung und Durchführung von Angriffen auf zivile Infrastruktur beteiligt. Warpachowitsch gehört zu den zentralen Personen der Zusammenstellung. HUR zufolge setzt die Division die Bomber Tu-95MS, Tu-160 und Tu-22M3 ein. Als Bewaffnung dienen die Raketen Ch-101, Ch-555, Ch-55, Ch-22 und Ch-32.

Nach dem Angriff auf Ochmatdyt wurden weitere bedeutsame Informationen bekannt. In einem Bericht vom 11. Juli 2024 schrieb die ukrainische Zeitung Ukrajinska Prawda unter Berufung auf Quellen im HUR über einen Piloten der 22. Division. Dieser habe Kontakt zum ukrainischen Militärnachrichtendienst aufgenommen. Nach Angaben der Zeitung habe der Pilot erklärt, der Angriff auf das Kinderkrankenhaus habe ihn stark erschüttert. Er habe Unterlagen aus der Militäreinheit sowie Material aus Personalakten übergeben. Hinzu seien private Fotos der Führung und als geheim eingestufte Dokumente der Division gekommen.
In den übergebenen Unterlagen wird Nikolai Nikolajewitsch Warpachowitsch als Person Nummer 28 geführt. Dort wird er als Kommandeur der 22. schweren Bomberfliegerdivision innerhalb der Fernfliegerkräfte und der russischen Luft- und Weltraumkräfte bezeichnet. Dem HUR waren die meisten der 30 in den Unterlagen genannten Offiziere bereits zuvor bekannt. Die über Jahre mittels OSINT zusammengetragenen Informationen konnten dadurch um interne Unterlagen der russischen strategischen Fernfliegerkräfte ergänzt werden.
Mehrere ukrainische Ermittlungsverfahren wegen Angriffen auf zivile Ziele
In den vergangenen Jahren tauchten Angaben zu Warpachowitsch auch außerhalb der Register ukrainischer Nachrichtendienste auf. Ukrainische Behörden verdächtigen ihn mehrerer Kriegsverbrechen.
Ukrainische Ermittler haben folgende Angaben veröffentlicht:
- Beim Angriff auf den Fernsehturm in Kyjiw am 1. März 2022 wurden fünf Zivilisten getötet. Warpachowitsch steht im Verdacht, den Einsatzbefehl an das unterstellte 121. schwere Bomberfliegerregiment weitergegeben zu haben.
- Am 23. April 2022 wurde der Wohnkomplex Tiras in Odesa mit einer Ch-101 angegriffen. Acht Menschen wurden dabei getötet. Nach Einschätzung der ukrainischen Polizei gehört Warpachowitsch zu den Organisatoren des Angriffs.
- Beim Angriff auf Uman am 28. April 2023 wurden 24 Menschen getötet, darunter sechs Kinder. Auch Warpachowitsch wurde in diesem Zusammenhang offiziell als Verdächtiger benannt.
- Zum Angriff auf Krywyj Rih am 13. Juni 2023 haben ukrainische Ermittler die Befehlskette rekonstruiert. Sie reicht von der obersten Führung der russischen Luft- und Weltraumkräfte bis zu Warpachowitsch und dem Kommandeur des 121. Regiments. Warpachowitsch steht im Verdacht, einen Einsatzbefehl für Angriffe auf zivile Ziele weitergeleitet zu haben.
- Warpachowitsch wird auch im Verfahren zum Raketenangriff auf Lwiw vom 4. September 2024 genannt. Dabei kamen der Marschflugkörper Ch-101 und russische Kinschal-Raketen zum Einsatz.
Am 31. August 2026 teilte der SBU Warpachowitsch zudem mit, dass gegen ihn wegen des Angriffs auf Ochmatdyt ein Tatverdacht bestehe. Damit wird sein Name zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in mehreren ukrainischen Ermittlungsverfahren zu Raketenangriffen auf Zivilisten und zivile Infrastruktur geführt.
Seit dem 16. Dezember 2024 steht Warpachowitsch auf der Sanktionsliste der Europäischen Union. In der offiziellen Begründung der EU wird er als Kommandeur der 22. Division am Luftwaffenstützpunkt Engels-2 bezeichnet. Darin heißt es außerdem, dass eine Ch-101 seiner Division im Juli 2024 das Kinderkrankenhaus Ochmatdyt getroffen habe. Der offizielle EU-Beschluss zu Warpachowitsch enthält die vollständige Begründung.
Belege für individuelle Verantwortung verdichten sich über Jahre
Der Mordanschlag auf einen hochrangigen russischen Militärangehörigen verdeutlicht die langfristige Bedeutung von Identifizierung und Dokumentation. Die Ukraine verdächtigt den Offizier mehrerer Kriegsverbrechen. Eine Person kann lange vor einem Gerichtsurteil identifiziert und ihre Rolle dokumentiert werden. Informationen aus offenen Quellen und Ermittlungsverfahren lassen sich über Jahre zusammentragen. Später können sie als Grundlage für die Feststellung individueller Verantwortung dienen.
Jeder russische Militärangehörige, der einen rechtswidrigen Befehl ausführt, muss damit rechnen, später identifiziert zu werden. Dafür können große Mengen öffentlich zugänglicher Informationen im Internet herangezogen werden. Hinweise können zudem von früheren oder gegenwärtigen Kollegen stammen.
Rechtliche Verfahren können lange dauern. Gleichzeitig kann sich die Beweislage zur individuellen Verantwortung über Jahre hinweg weiter verdichten. Dadurch wird es zunehmend schwieriger, sich einer strafrechtlichen Verfolgung zu entziehen.
Der Artikel wurde von Ashton Berson für InformNapalm erstellt.
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