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    Ukraine: Wir brauchen keinen Krieg bis zum siegreichen Ende, wir brauchen einen Frieden zu unseren Bedingungen

    on 20/02/2016 | 0 Comment | Aktuell | Interviews/Meinungen

    von Ian Valietov

    Ich hatte mal einen sehr spezifischen Kumpel, er war ein Mensch eines sehr ungewöhnlichen Berufs und Biographie, etwas älter als ich. Draussen waren die 90er, die Strassen und Autobahnen konnte man wohl kaum sicher nennen, der Wunsch zu überleben und dabei doch noch sein Geschäft zu führen forderte ein Können, das wie ich damals dachte nie wieder gebraucht sein wird.

    Also, mein Bekannter brachte mir damals bei, dass man nie und nimmer seine Waffen herausholen und dem Gegner zeigen soll, wenn du nicht die Entscheidung getroffen hast, diese Waffe auch anzuwenden. Also, es kann auch sein, dass du sie nicht anwendest – vielleicht löst sich die Situation ja von allein auf, aber niemals, sagte er, niemals sollst du Waffen herausholen, um damit zu drohen. Denn dann wirst du getötet. Nur wenn du die Entscheidung getroffen hast, zu schiessen. Hast du sie herausgeholt – schiess. Oder sei sicher, dass du in einer Sekunde schießen wirst – das spürt der Gegner. Er versteht, dass er entweder zurückrudern muss, oder eine Kugel einfangen wird.

    Dieser Mensch ist lange nicht mehr am Leben, aber ich erinnere mich oft an diesen seinen Rat, denn die Situation, in der sich unser Land gerade befindet – sie ist wie auf der Strasse in den 1990ern. Als ob wir wieder auf den verdrogten Asi mit dem Opagewehr trafen. Oder auf eine Gruppe der Jungs in Sporthosen und mit chinesischen TT in den Taschen ihrer türkischen Lederjacken. Oder auf korrupte Polizisten, die gekommen sind, sich einen Teil abzudrücken…

    Also, wer damals lebte, der weiss noch.

    Damals überlebten nicht die wahnsinnig Tapferen – es überlebten die Klugen, die eine richtige Strategie und Taktik gewählt haben. Man konnte natürlich versuchen, die ganze Bande eigenhändig zu erschiessen oder die Polizisten ins Gefängnis zu bringen, wesentlich effektiver war aber die Sache so zu organisieren, dass die Polizisten die Banditen erschiessen und umgekehrt. In der postindustriellen Gesellschaft gewinnt nicht der Stärkste, nicht der Rücksichtslosester – den Sieg erntet der Klügste und der Organisierteste. Die 90er sind längst in der Vergangenheit, der Grossteil jener „Helden“ liegt unter den Grabplatten und die Welt kommt wunderbar ohne sie aus. Darum, wenn von einer Seite geschrien wird, dass sie bald bis nach Lemberg kommen, und von der anderen – dass sie bald Moskau verbrennen, wird klar, dass es an der Zeit für die Sargtischler ist, ihre Instrumente herauszuholen.

    Kluge Menschen verfolgen den Dollarkurs, Geschäfte an der Erdöl-Börse und den Zustand der Goldreserven von Aggressorstaaten. Sehr kluge Menschen behalten noch den chinesischen Markt im Auge, wie auch die Schiefergastechnologien und die Quellen der alternativen Energie.

    Weil der heutige Sieg nicht im Erwürgen des Gegners beim Nahkampf liegt, sondern in seiner Schädigung durch einen Laserstrahl während man selber ausserhalb der Wirkungszone seines Bajonetts ist.

    Am 11. Januar, als das Internet wegen einer neuen „Srada“ zu knurren und spucken begann (ukr. „Srada“- Ausdruck im Sinne von „Verrat!“), die sich in der Ankunft des russischen Flugzeugs mit Gryslow am Bord am wichtigsten ukrainischen Flughafen ausdrückte, habe ich mich an meinen spezifischen Bekannten und seine Ratschläge erinnert. Die Menschen, die auf dem Sofa sitzend mit den elektronischen Gewehren herumfuchteln und sich in virtuellen Bunkern vor virtuellen GRADen verstecken, wobei sie in imaginärer Kälte erfrieren und dabei schreien, dass die Trupps des Freiwilligen Korps vom Rechten Sektor unbedingt über den Roten Platz zackig marschieren sollen – das ist wohl ein schwerer Fall. Natürlich ist das Erschlagen aller Feinde die endgültige und offensichtlichste Problemlösung. Nur kann ich mich an keinen einzigen Fall erinnern, wo es jemandem gelungen ist.

    Wenn jemand die Illusion haben sollte, dass wir mit der Linken das geschwächte Russland k.o. schlagen – dann herzlich willkommen in der realen Welt, in der David Goliaf mit seiner Tapferkeit und Listigkeit besiegt, und ganz und gar nicht mit seiner Tapferkeit und Hirnschwäche.

    Ich sage mal wenig populäre Sachen: Die Ukraine braucht keinen Krieg bis zum siegreichen Ende. Die Ukraine braucht einen Frieden zu ihren Bedingungen. Die Ukraine muss sich mit ihrer Wirtschaft beschäftigen und Muskeln aufbauen: Strassen bauen, Betriebswerke, Armee, das kleine und mittlere Geschäft stärken, und nicht darauf wichsen, wie Jarosch Putin an dem Spasskaja Turm erhängt.  Dass zu uns Gryslow angeflogen kam – das ist keine „Srada!“, schanowny (geehrte) Mitbürger, das ist ein wirklich echter Sieg.

    Und dass der Präsident, unser Garant, sich mit dem Arsch zu Gryslow drehte und nach Schytomyr seine ukrainischen Sachen zu machen gefahren ist – das ist auch ein Sieg und keine „Srada!“. Denn der Präsident sollte sich auch nicht mit was weiß ich wem treffen. Und dass die Ukraine darauf verzichtete, bei Russland Gas für 212$ für 1000 Kubikmeter einzukaufen – das ist was? Einfach nur eine Nachricht? Und dass Russland plötzlich seine Rhetorik änderte – das hat es wohl auch einfach so gemacht, die Rhetorik geändert, hat plötzlich den Wunsch danach verspürt, was?

    Freuen sollen wir uns, darüber dass Russland nach Wegen sucht, sich mit uns zu einigen, denn einigen werden sie sich zu unseren Bedingungen müssen. Einigen, möchte ich mal anmerken, mit Faschisten, Junta, Banderas, Nazis, Bettvorlegern, Russophoben und amerikanischen Huren, an die Bruderschaft zu welchen sie sich nach dem Silvester-Kater plötzlich erinnert haben.

    Wieso? Wachst so auf, schaust ‚raus – und der Rubel fällt da auf 80, 90, Erdöl nähert sich 30… Und den Preis für URAL-LKWs laut zu sagen macht einem Angst. Und wenn man nicht den verrückten Hasin liest, sondern seriöse Analytiker, so kann man hören, dass die Goldreserven nur bis zur Mitte des nächsten Jahres reichen. Das ist, wissen Sie, sehr erfrischend und erweckt eben die kränkliche Bruderliebe wieder zum Leben.

    Des Öfteren hörte ich aus den Tiefen des Internets: „Du bist mir kein Bruder, Bandera-Nisse!“, und musste darüber rätseln, was mich denn mit Bandera verbindet? Um sich dann dessen bewusst zu werden, dass eigentlich auch nichts, ausser der Liebe zum Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, und dem Wunsch, dieses Land reich und frei zu sehen. Eigentlich haben wir ja auch wegen unseren östlichen Opponenten angefangen, überhaupt über ihn mal nachzulesen!

    Nun, meine Freunde und Widersacher, scheint es mir gerade, dass das Schicksal der Sanktionen, die gegen Russland angewendet werden, zwar unter der Patronage der USA und EU besiegelt wird, aber doch am Verhandlungstisch in Minsk. Und das wurde wohl auch in Moskau verstanden und gleich probierte man das Schafspelz an. Ja, das Schicksal der Sanktionen und die Bedingungen des Friedens sind von der Standhaftigkeit unserer Soldaten an der Front abhängig, stehen aber in keinem Zusammenhang mit einem Marsch über den Roten Platz. Wir sind in dieser Geschichte der David. So ein schmächtiger Knabe, der gegen den mächtigen Kämpfer Goliat aufgetreten ist. Wir wollten das auch gar nicht, aber so kam es eben. Es gibt solche Fälle an der Knickstelle der Geschichts- und Zivilisationsschemas. Wir waren ja an das friedliche Leben gewöhnt und verstanden nicht, dass das Recht auf die eigene Wahl unabhängig von unseren Wünschen verteidigt werden muss. Wer will denn bei gesundem Verstand einen Krieg?

    Ich erinnere mich, wie bitter es war, als die Amerikaner uns die begehrten Javeline nicht gegeben haben. Nach Ilowajsk wollte man zwischen den ukrainischen Sonnenblumen brennende russische Panzer sehen, und die Amerikaner haben nur Besorgnis und Beileid ausgedrückt. Wir wollten Stahl und Brand, und Tausende Sofa- und Nicht-Sofa-Kämpfer schrien: „Srada! Wir wurden verraten! Gebt uns Waffen!“ In Wirklichkeit wurde in dem Moment ein MÖGLICHER Sieg geschmiedet, in der Stille der Bankbüros, von Wirtschaflern, Analytikern, Finanziers und Politikern.

    Als die Römer an einer unbezwingbaren Festung ankamen, bestand die Frage nicht darin, ob man sie einnehmen wird oder nicht – nur darin, wann sie eingenommen wird. Die Römer hatten modernste Rammböcke und mächtige Armee, aber Blockade und Belagerung öffneten die Festungstore schneller und zuverlässiger als jede Steinkugel.

    Ein Sieg ist nicht nur, wenn du den Fuss auf die Leiche deines Feindes stellst. Ein Sieg ist wenn der Feind bereit ist, den Frieden zu deinen Bedingungen abzuschliessen.

    Also, vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass sie uns damals die Javelins nicht gegeben hatten. Uns wurde geholfen, die richtige Taktik zu wählen.

    Womöglich (und sogar wahrscheinlich) ist das Budget für 2016 schlecht, aber es wurde vom Internationalen Währungsfonds gutgeheißt, was bedeutet, dass uns neue Tranche bewilligt werden und die Prognose über den Wirtschaftswachstum um 1,5% sich bewahrheiten wird.

    Womöglich (und sogar wahrscheinlich) haben wir nicht die beste Regierung, aber wir sind noch immer nicht im Zustand eines Defaults und spielen im Gas-Spiel nicht nach russischen Regeln.

    Womöglich (und sogar wahrscheinlich) haben wir eine untaugliche Werchowna Rada, aber mit Knirschen und Kreischen werden die gebrauchten Gesetze doch noch erlassen.

    Womöglich (und sogar wahrscheinlich) haben wir nicht die optimalste Taktik, aber in den strategischen Entscheidungen irren wir uns nicht.

    David hätte Goliat nicht mal eine Minute im Nahkampf standgehalten, aber das Ergebnis des Kampfes wurde nicht durch rohe Kraft entschieden, sondern durch einen kleinen Stein, der mit einer festen Hand geworfen wurde. Denkt daran.

    Wir werden uns die Krim jetzt nicht zurückholen können, aber wir können es so machen, dass sie in einer absehbaren Zukunft zu uns zurückkommt. Unsere Kains zum Frieden zwingen und sie zurückholen.

    Donezk und Luhansk jetzt zurückzuholen ist gleichzusetzen mit dem Essen eines verpesteten Fleischs, aber mit der Zeit, wenn man die okkupierten Territorien von der Grenze mit Russland abschneidet und die Separatisten somit ihrer Finanzierung beraubt, wird die Psychose abklingen und der Frieden wird nicht einfach nur möglich werden – er wird unvermeidlich sein. Wenn man die Hunde des Krieges nicht mehr füttert, werden sie gehen.

    Um das Ersehnte zu bekommen, brauchen wir keinen Marsch auf dem Roten Platz. Der Frieden zu unseren Bedingungen ist weitaus besser, als ein Krieg zu Bedingungen Russlands. Und das ist keine Srada (ukr. „Verrat“), sondern die Einsicht in seine Möglichkeiten und Kräfteverteilung.

    Es ist sehr viel einfacher, einen Krieg anzufangen als ihn zu beenden. Wir haben in diesem Krieg Territorien verloren und unsere besten Jungs, aber wir haben den Krieg nicht verloren, weil wir keine Territorien verteidigen, sondern unsere Zukunft.

    Sprecht nicht von Srada, wenn Ihr die strategischen Ziele nicht seht.

    Ruft nicht zum Krieg bis zum siegreichen Ende auf, denn die Waffen sollte man nur rausholen, wenn du diese anwenden willst. Wir brauchen den Feind nicht in die Ecke zu drängen und ihn mit Füssen zu treten, denn eine in die Ecke gedrängte Motte kann sich als wesentlich gefährlicher entpuppen als eine tollwütige Ratte. Wir haben schon genug tote Helden, wir brauchen lebendige Verteidiger unserer Heimat, wir brauchen Frieden, befestigte Grenze und sorgfältig ausgebaute Strategie für den wirtschaftlichen Wachstum und die Rückkehr der Territorien. Ja, dafür braucht man Jahre. Ja, womöglich (und sogar wahrscheinlich) ist das alles für Jahrzehnte. Ein Land aufzubauen – das ist immer ein langer Prozess. Für seine Vernichtung braucht man just ein paar Jahre, aber nicht für seinen Aufbau. Eine falsche Wahl – und boom! – aus einer Erdöl-Supermacht wird man zu einem Taiga-Ulus (Verwaltungsbezirk) mit Vororten. Aber Ihr seid doch alle erwachsene Menschen und versteht, dass es keine Wunder gibt und dass jedes Wunder, wenn wir auch glauben, dass es ein Wunder ist, in Wirklichkeit das Resultat einer gut durchdachten Strategie und richtig gewählten Taktik ist.

    Entgegen dem Geschrei über die Srada und den Sieg. Schritt für Schritt. Ruhig, kalkuliert, wohlbedacht, ohne Hysterie und unnötige Emotionen. Vielleicht ist der Schleuder nicht unser, und den Stein haben auch nicht wir gefunden – wir sind in diesem Kampf trotzdem keine Statisten. Wir haben standgehalten. Wir sind nicht erfroren, nicht verhungert, nicht pleite gegangen und haben uns nicht auf Kains Gnade ausgeliefert. Wir haben es geschafft, uns zum Besseren zu verändern, vielleicht auch nur ein bisschen. Und wenn ein fremdes Flugzeug zu uns kam, um Frieden zu suchen, so ist es ein Sieg für uns und unsere Verbündeten.

    Ich spreche nicht von einer Versöhnung mit dem Aggressor, ich spreche vom Frieden zu unseren Bedingungen, wenn jemandem dieses Wort vielleicht auch nicht gefallen mag.

    Autor: Ian Valietov; übersetzt von Irina Schlegel

    Tags: ReformenUkraine

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