
Kurze Auskunft: Natalija Radina ist Chefredakteurin der Website Charter97.org – des größten unabhängigen Nachrichtenportals von Belarus. Sie ist eine ehemalige politische Gefangene – sie wurde am Tag der Präsidentschaftswahlen in Belarus, am 19. Dezember 2010, verhaftet und war im KGB-Gefängnis, angeklagt wegen Organisation von Protestaktionen gegen die Fälschung der Wahlen. Der Journalistin drohten 15 Jahre Haft. Sie hat Belarus am Vorabend der Gerichtsverhandlung heimlich verlassen. Heute arbeitet die Redaktion von Charter97.org von Polen aus.
Das Auftauchen der russischen Soldaten in Gomel wurde zu einer Sensation in der Ukraine. Aber ich bin über die Reaktion mancher Kollegen etwas verwundert, die zu fragen anfingen: „Ist eine Wiederholung des Krim- oder des Donbas-Szenarios in Belarus möglich?“
Nein, liebe Ukrainer. Belarus befindet sich seit 20 Jahren unter einem faktischen Protektorat von Russland. All diese Jahre hält sich der Diktator Lukaschenko dank russischem Geld und Energieressourcen an der Macht fest, wobei er freiwillig auf die Unabhängigkeit verzichtete und mit der Russischen Föderation einen Bündnisstaat schuf. Das ist eine Bedrohung in erster Linie für die Ukraine, denn unser Land ist heute faktisch zum militärischen Aufmarschgebiet Russlands geworden.
Lukaschenko hat nicht nur einmal erklärt, dass in Belarus eine mit der russischen Armee vereinte Militärgruppe arbeitet, deren Ziel eine Konfrontation mit der NATO ist. Mehrere Jahre vor dem Krieg in der Ukraine wurden hier während gemeinsamer Manöver mit Russland Atomanschläge auf Warschau und ein Durchbruch durch das Territorium Lettlands nach Kaliningrad geübt.
Noch im Mai letzten Jahres hat die Website charter97.org davon berichtet, dass Soldaten und Offiziere der russischen Armee in Belarus dienen: Piloten, Fallschirmspringer, Panzersoldaten, Raketensoldaten. Wobei sie damals ihre Zugehörigkeit zur russischen Armee nicht an die große Glocke hängten. Die russischen Militärangehörigen waren in Uniform der belarussischen Streitkräfte gekleidet, haben aber ihren Dienst in eigenen Militäreinheiten geleistet und waren russischem Kommando unterstellt.
Damals belief sich die Gesamtanzahl der russischen Militärangehörigen, die sich inoffiziell in Belarus befanden, auf bis zu 3.000 Menschen. Bekannt ist, dass sie zumindest in fünf belarussischen Garnisonen stationiert waren. Heute sind es wohl viel mehr, wie man es sich denken kann.
In Belarus arbeiten seit vielen Jahren zwei russische Verfolgungsstationen: in Baranowitschy und Wilejka. Seit Dezember 2013 leisten mehrere Luftüberlegenheitsjäger SU-27CM3 Suhoj aus dem Bestand der Luftwaffe Russlands zusammen mit den belarussischen Piloten Bereitschaftsdienst auf einer Rotationsbasis in Baranowitschy.
Schon 2015 – ein Jahr früher als geplant – wird in Belarus ein ausschließlich russischer Luftstützpunkt entstehen. Zuerst war eine Stationierung in Baranowitschy geplant, aber dann haben der Oberbefehlshaber der Luftwaffe Russlands Generaloberst Wiktor Bondarjew und der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu erklärt, dass der russische Luftstützpunkt in Babrujsk stationiert wird. Im nächsten Jahr werden Schoigus Worten nach 12 Luftüberlegenheitsjäger SU-27, zwei Lehrgefechtsjäger Su-27 und vier Hubschrauber MI-8 nach Belarus überfliegen. Und das komplette Geschwader der SU-27CM3 (24 Kampfjets) wird 2016 zusammengestellt.
Hier ist ein Detail wichtig: Wenn die Verlegung von SU-27 einen Bezug zum einheitlichen System der Flugabwehr von Belarus und Russland haben kann, so wirft das Auftauchen von Kampf-Transporthubschraubern MI-8 in Belarus große Fragen auf. MI-8 ist ein Hubschrauber mit zwei Turbinentriebwerken, der auf der Welt am meisten verbreitet ist, und ist für den Transport und das operative Absetzen von Luftlandetruppen bestimmt. In der heutigen Situation ist es durchaus möglich, dass man die russischen Spezialeinsatzkräfte nach Tschernihiw und Kyjiw verlegt.
Analytiker schließen nicht aus, dass der Hauptluftwaffenstützpunkt Russlands in Belarus in Babrujsk stationiert werden kann. Mehr noch, manche vermuten, dass langfristig dort russische Jagdbomber Suchoi SU-34 wie auch Jagdflieger MIG-31, und sogar Mittelstreckenbomber Tupolew TU-22M3 auftauchen können.
Und noch ein interessantes Faktum. Vor Kurzem verkündete der Vorsitzende des Komitees der Nationalen Sicherheit Litauens Arturas Pauluskas, die Aufdeckung eines Spionagenetzwerks der Hauptverwaltung für Aufklärung beim Generalstab der Streitkräfte Belarus. Er ist überzeugt, dass die belarussischen Aufklärer mit ihren russischen Kollegen Informationen austauschen.
Das Bemerkenswerte an dieser Stelle ist jedoch, dass sich die ukrainische Regierung in dieser Situation der Gefahr nicht ganz bewusst ist, die ihr Land vom Norden bedroht, und die Kremlmarionette als Vermittler im Krieg gegen Russland betrachtet. Lukaschenko hat gegen seine eigene Verfassung verstoßen, als er ein einheitliches Flugabwehrsystem mit Russland erschaffen hat, dem militärischen Bündnis OVKS beigetreten ist und die Stationierung der russischen Streitkräfte und Militärgeräts auf dem Territorium von Belarus erlaubt hat, und nun mit Russland einen gemeinsamen staatlichen Grenzschutz hat. Wessen Seite wird er wohl einnehmen, sollte es zu einem Einfall Russlands in die Ukraine kommen?
Man kann das Problem so lange übersehen, wie man möchte, aber man sollte doch diesem ins Auge sehen und es genauer betrachten. Ja, in Gomel sind zurzeit russische Soldaten. Und sie machen keinen Spaß, wenn sie sagen, dass „es einen Krieg geben wird, und sie bis dahin erstmal Rotation und Vorbereitung haben“. „Rotation“ bedeutet hier nur, dass die russischen Streitkräfte schon lange an der Grenze zur Ukraine stehen.
Ich verstehe das Verteidigungsministerium von Belarus, das heute das Offensichtliche zu widerlegen versucht. Wie soll man auch zugeben, dass sich auf dem Territorium des Landes Streitkräfte befinden, die weder dem Verteidigungsministerium noch dem Oberbefehlshaber unterstellt sind? Es kommt einem Geständnis gleich, dass die belarussische Führung dem Generalstab der Streitkräfte Russlands selbst unterstellt ist.
Aber eine Tatsache bleibt bestehen: Mithilfe Lukaschenkos Anstrengungen wurde Belarus für Putin, so traurig dies auch zu verstehen ist, zu einem vergleichbar unterstellten Territorium wie die „DVR“ oder „LVR“, und der Diktator selbst kann nur im Rahmen dieses Feldes operieren.
Quelle: Natalja Radina in ru.tsn.ua; übersetzt von Irina Schlegel








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