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    Konstantin Borowoj: Für Gegenpropaganda braucht man keine Journalisten, sondern Wehrexperten

    on 06/09/2015 | 0 Comment | Aktuell | Expertenmeinungen | Interviews/Meinungen

    87e17d26b58ae98df272fb78b8492Konstantin Borowoj, russischer Oppositioneller, Ex-Abgeordneter der Staatsduma Russlands und der Vorsitzende der Partei „Westliche Wahl“ über die Naivität des Westens in Bezug auf die russische Propaganda…

    Konstantin Borowoj trat bei Newsader mit scharfer Kritik des Programms auf, das mit der Genehmigung einer Förderung von der US-Botschaft an die Journalisten der Baltikum-Staaten verbunden ist. Die Förderung ist dafür vorgesehen, dass sich diese Journalisten der Propaganda russischer Medien widersetzen. Seine Einstellung bekräftigte er mit einem Verweis auf die Aussage von Drew Sullivan, dem Redakteur und Gründer des journalistischen Zentrums zur Untersuchung der Korruption und organisiertem Verbrechen, der auch gegen die Politisierung des Journalismus mithilfe der Förderungen aufgetreten ist, deren offizielles Ziel die Durchführung der Gegenpropaganda durch die Journalisten sein soll. Borowoj ist sich sicher, dass die russischen sogenannten „Medien“ in Wirklichkeit nur Instrumente der KGB/FSB Militärexperten sind, welche nur Geheimdienste mit einem analogen Vorbereitungsstand bekämpfen können.

    A.K: – Konstantin, was genau hat Sie beim von den Amerikanern vorgeschlagenen Programm stutzig gemacht, das ja auf dem Hintergrund der aggressiven russischen Propaganda recht aktuell aussieht und sogar etwas verspätet erscheint?

    Borowoj: – Ich fange mal damit an, dass ich manchmal erstaunt über die Naivität der amerikanischen Experten bin, genauer gesagt- über die Abwesenheit jeglicher Experte allgemein, und leider auch über die fehlende Seriosität, die in der Expertengemeinschaft in Bezug auf die Tätigkeit der russischen Geheimdienste herrscht. Die Sache ist, dass in den KGB/FSB Schulen faktisch alle Studierenden einen militärischen – just militärischen – Beruf bekommen, zur Durchführung von Propagandakampagnen auf dem Territorium des Gegners. Dabei muss man verstehen, dass unter den jetzigen Bedingungen wir es mit echten Kriegshandlungen zu tun haben- genauso nimmt man sie in Russland auch wahr: zur Durchführung von propagandistischen Kampagnen werden militärische Technologien hinzugezogen.

    Sich dabei an die Journalisten mit dem Vorschlag sich der Propaganda zu widersetzen zu wenden ist das Gleiche, wie sich an sie mit dem Vorschlag zu wenden, sich den Beschüssen und Bombardierungen zu widersetzen. Dementsprechend ist die Reaktion von Drew Sullivan absolut gerechtfertigt: die Journalisten müssen sich keinen Kriegshandlungen widersetzen. Das ist einfach nicht ihre Funktion.

    Man muss hier nichts neues ausdenken. Dieser Mechanismus ist längst ausgearbeitet, und zwar zu Zeiten des Kalten Krieges, als sowjetische und amerikanische Propagandisten auf einer paritätischen Grundlage agierten.

    Die Ukraine ist gerade im Krieg. Ihr keine Waffen zu liefern ist das Gleiche wie Waffen an Russland zu liefern. Vielleicht wäre es auch besser, wenn die Journalisten Waffen in die Hände nehmen und sich an den Kämpfen in der ATO-Zone beteiligen würden, aber es ist nicht ihre Sache. Das müssen Militärs und Politiker machen.

    A.K.: – Verstehe ich Sie richtig, dass Sie diejenigen als naiv bezeichnen, die finden, dass man mithilfe der Gegenpropaganda den Gegner bezwingen kann?

    Borowoj: – Als naiv bezeichne ich diejenigen, die finden, dass man der Propaganda, die eine Komponente des hybriden Krieges ist, die Mittel der gewöhnlichen Journalistik entgegensetzen kann. In Russland, wie ich bereits sagte, werden Wehrexperten ausgebildet, um entsprechende Kampagnen zu führen. Da es in den USA kein „Staatssicherheit-Komitee“ gibt, gibt es dort auch keine entsprechende Spezialisten. Die Amerikaner müssen sich um ihre Ausbildung kümmern. Auf der anderen Seite existierten sie zu Zeiten des Kalten Krieges, also muss man nur die vorigen Programme wiederbeleben.

    A.K.: – Beweisen denn die Enthüllungen von zahlreichen Fälschungen der russischen Medien- zum Beispiel der Reportagen über die abgeschossene „Boeing“- denn nicht, dass die Journalisten, die diese Enthüllungen durchgeführt haben, sich die Finanzierung in einem Gegenpropaganda-Programm verdient hätten?

    Borowoj: – Gerade die Geschichte mit der Boeing beweist das Gegenteil: Tonnen an widersprüchlicher Information, die auf die Köpfe der russischen und westlichen Bürger ausgeschüttet wurden, die die Situation in den Köpfen der unglücklichen TV-Zuschauer so dermassen verfahren haben, dass die Mehrheit der Menschen jegliche Hoffnung verlor, die Wahrheit zu erfahren.

    A.K.: – Können Sie in diesem Fall dann den Mechanismus der Gegenwirkung zur russischen Propaganda detailliert beschreiben, über den Sie sprechen?

    Borowoj: – Man braucht nichts neues auszudenken. Dieser Mechanismus wurde bereits zu Zeiten des Kalten Krieges erarbeitet. Das bedeutet, dass die Aktivität des einen oder anderen Sprachrohrs der sowjetischen Propaganda, das auf dem US-Territorium agierte, mit der analogen Aktivität eines amerikanischen Mediums auf dem Territorium der UdSSR kompensiert wurde.

    Wenden wir uns nun dem Heute. In den USA sendet Russia Today. Ausgehend vom obengenannten Prinzip muss es im Zentrum von Moskau ein sagen wir mal „Russia Yesterday“-Medium geben, das sich genau wie sein Spiegel-Zwilling mit offener Propaganda beschäftigt. Dementsprechend wird die Blockierung des amerikanischen TV-Senders automatisch zum Sendestopp von Russia Today führen müssen.

    A.K.: – Ich möchte anmerken, dass Wiktor Schenderowitsch diese Situation als die „Falle des Westens“ bezeichnet, wo das System der Demokratie und Offenheit zu einer Waffe gegen die Zivilisation in den Händen ihrer Gegner wird.

    Borowoj: – Ich bin mit Wiktor einverstanden. Die Rede ist von politcorrectness und ihrer äussersten Form- dem Reinlichkeitsapostel. Stellen Sie sich vor: Sie müssen Verwundete vom Kampffeld herausbringen, aber anstatt es mit Panzerwagen und Ärzten zu tun, wenden Sie sich an Journalisten und bitten sie darum, sich darüber zu empören, dass es in der Ukraine Zivilisten und Soldaten getötet werden.

    A.K.: – Also sind Sie im Grunde gar nicht gegen die Förderung als solche für jene Journalisten, die sich der russischen Propaganda entgegensetzen sollen, aber finden, dass sie ohne Hinzuziehung von Militärexperten in Gegenpropaganda keinen Sinn hat?

    Borowoj: – Ich finde, dass man das Problem der russischen Propaganda genauso wahrnehmen muss wie jegliche andere Kampfhandlungen unter Bedingungen eines Krieges. Russland gibt heute Milliarden Dollar für die Durchführung der Propaganda-Kampagnen aus, die von KGB/FSBlern angeleitet werden, welche Spezialisten in der Durchführung der militärischen Propaganda- und Gegenpropagandakampagnen sind. Dementsprechend muss man sich hier nicht an Journalisten wenden, sondern an die Spezialisten analogen Profils.

    A.K.: – Sie schlagen vor, die halbe Million Dollar auf die Vorbereitung von entsprechenden Militärexperten im Westen umzuleiten?

    Borowoj: – Man muss spezielle Organisationen erschaffen, die solche Spezialisten ausbilden würden, was keinerlei Bezug zur Journalistik hat. Ein seltenes Beispiel dessen, wovon ich spreche, ist die ukrainische Ausgabe InformNapalm. Das ist eine Gruppe Kriminalisten und Wehrexperten (obwohl da auch Journalisten sind), die sich unter anderem mit der Analyse von Photos der Technik von der russisch-ukrainischen Front beschäftigen.

    Wenn man mit der Erfüllung solch einer Aufgabe ausschliesslich die Journalisten beauftragt, werden sie, bin ich mir sicher, diese nicht bewerkstelligen können. Dank der Wehrexperten hat InformNapalm eine Riesenmenge an Informationen erfasst, die die Journalisten nicht hätten erfassen können. Die Kampfhandlungen im Donbass müssen Aufklärungsspezialisten untersuchen und beleuchten, es müssen aber Spezialisten in Kriminaluntersuchungen sein, und nicht in journalistischen Untersuchungen. Zu Aufgaben von InformNapalm gehört zum Beispiel auch die Bestimmung von Waffentypen, deren Bilder sie in den sozialen Netzwerken entdecken.

    Leider existiert in Bezug auf den Konflikt im Osten der Ukraine in bestimmten westlichen Kreisen die kleinkarierte Meinung, dass dort kein Krieg ist, sondern irgendsoein Missverständnis, und dass die auf der russischen Seiten arbeitenden Journalisten Fehler nur deshalb machen, weil sie angeblich „nicht die ganze“ Information aus der Zone der Kampfhandlungen bekommen.

    Das ist eine Naivität, die an Idiotie grenzt. Genau das haben auch diejenigen offenbart, die sich an die Journalisten mit dem Auftrag gewandt haben, sich an der militärischen Gegenpropaganda zu beteiligen.

    In Wirklichkeit bekommen sie die ganze Information- genau darum geht es. Es sind keine Journalisten, sondern Menschen mit Schulterklappen. Man braucht sich an der Stelle nur an ihre Art der Befragung von ukrainischen gefangengenommenen Soldaten zu erinnern. Dementsprechend ist der Widerstand ihnen gegenüber nur mithilfe der freien Mitteln der Massenmedien völlig nutzlos.

    A.K.: – Verstehe ich richtig, dass Sullivan im gewissen Sinne auch Naivität beweist, wenn er behauptet, dass „die besten Strukturen der Gegenwirkung zur Propaganda die unabhängigen Medienorganisationen sind, die bereits seit Jahrzehnten arbeiten, die Wahrheit berichten, wobei sie oft riskieren“?

    Borowoj: – Er hat in dem Sinne Recht, dass die Vergeber der Förderungen sich nicht an die richtige Adresse gewandt haben.

    A.K.: – Nichtsdestotrotz schlägt er nicht vor, die Mittel auf die Programmen der Ausbildung von Wehrexperten umzulenken, über die Sie gerade sprechen.

    Borowoj: – Richtig, aber er ist doch auch kein Spezialist in dieser Frage. Seine Aufgabe bestand darin, den Vektor vorzugeben. Das allgemeine Problem besteht aber darin, dass die Menschheit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Kenntnisse über die Instrumente der Gegenwirkung zur Barbarei verloren hat.

    Wir, die in moderner zivilisierter Welt leben, können uns die Verletzung der internationalen Staatsgrenzen und eine bewaffnete Einnahme fremder Territorien nach der Art des 19. Jahrhunderts schwer vorstellen, aber es ist nun mal passiert. Die Situation erinnert an das Pocken-Problem: man hörte auf, dagegen Impfungen zu machen, was seinerzeit eben zu einer Epidemie dieser Krankheit führte. Auf die gleiche Weise hat sich die allzu entwickelte Menschheit als unfähig entpuppt, sich primitiver Barbarei zu widersetzen, die uns von Putin vorgeführt wurde.

    Gerade deshalb verstehen moderne westliche Politiker nicht, dass die Gegenpropaganda kein Problem der Journalisten ist. Genauso wie auch die Folter, die von den russischen Militärs zur Informationsbeschaffung angewendet werden, kein Problem der Journalisten ist.

    Mich hat die Nachricht darüber verwundert, dass die Journalisten die russischen Schulterklappen-Personen dazu aufgerufen haben, auf diese Praxis zu verzichten, wobei sie erklärten, dass man Informationen auch gewaltfrei bekommen kann. Vielleicht sollten sie den russischen Geheimdienstlern noch vorführen, auf welche Weise man Informationen beschafft, ohne dem Befragten Nadeln unter die Fingernägel einzurammen! Das ist eine Naivität, die an Idiotie grenzt. Genau diese haben auch diejenigen an den Tag gelegt, die sich an die Journalisten mit dem Vorschlag gewandt haben, sich an der militärischen Gegenpropaganda zu beteiligen.

    Quelle: Konstantin Borowoj im Interview mit newsader.com; übersetzt von Irina Schlegel.

     

    Tags: InformationskriegKremlpropaganda

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