
Russland hat entlang der Grenze zu Belarus eine umfangreiche Infrastruktur für den Einsatz von Kampfdrohnen aufgebaut. Sie umfasst mindestens fünf Flugplätze und Startanlagen in den Oblasten Smolensk, Brjansk und Orjol. Zur Infrastruktur gehören zudem der Einsatz von Angriffsdrohnen entlang oder durch den belarussischen Luftraum sowie die Nutzung ziviler belarussischer Telekommunikationsinfrastruktur zur Unterstützung von Flugrouten und der Signalübertragung.
Dieses System wird nicht ausschließlich gegen die Ukraine eingesetzt. Nach Angaben aus einer gemeinsamen Cyberoperation von Fenix und InformNapalm war der Einflug Dutzender russischer Drohnen nach Polen im September 2025 Teil von Tests einer neuen Taktik sowie der Leistungsfähigkeit der belarussischen Mobilfunkinfrastruktur. Am 18. Februar 2026 verhängte die Ukraine Sanktionen gegen Aljaksandr Lukaschenko. Zu den ausdrücklich genannten Begründungen gehörte der Ausbau von Infrastruktur in Belarus, der Russlands Fähigkeit zur Durchführung von Drohnenangriffen gestärkt hat.
Russische Anlagen in der Nähe von Belarus identifiziert
Am 10. Juni 2026 veröffentlichte die belarussische Redaktion von Radio Svoboda eine Recherche, in der mehrere zentrale russische Anlagen in der Nähe von Belarus identifiziert wurden. Die Erkenntnisse sind nicht nur für die Dokumentation russischer Militärinfrastruktur relevant. Sie tragen zudem dazu bei, besser zu verstehen, wo Russland seine Drohnen konzentriert, von welchen Standorten aus Starts erfolgen, welche Flugrouten genutzt werden können, warum Drohnen regelmäßig in den belarussischen Luftraum eindringen und wie Belarus schrittweise in den russischen Krieg gegen die Ukraine eingebunden wird.
Die Analyse stützt sich auf die Recherche der belarussischen Redaktion von Radio Svoboda, auf Materialien aus einer gemeinsamen Cyberoperation des Analysezentrums Fenix und InformNapalm, auf Satellitenaufnahmen von Planet Labs, die im Rahmen der Recherche von Radio Svoboda veröffentlicht wurden, sowie auf Informationen ukrainischer und internationaler OSINT-Gruppen.
Fünf zentrale Anlagen
1. Luftwaffenstützpunkt Schatalowo, Oblast Smolensk
Koordinaten
54.33892, 32.47221
Entfernung zur Grenze zu Belarus
Etwa 46 Kilometer
Status
Seit Anfang 2025 in Betrieb

Schatalowo ist der nächstgelegene bekannte russische Startstandort für Angriffsdrohnen in der Nähe von Belarus. Die Bauarbeiten auf dem Luftwaffenstützpunkt begannen Anfang 2025. Kurz darauf entstanden im östlichen Teil des Geländes zwei feste Startanlagen für Drohnen der Typen Shahed und Geran. Auf Satellitenaufnahmen von Planet Labs vom 5. Mai 2026 sind bereits rund zehn solcher Anlagen zu erkennen, während die Ausbauarbeiten weiterhin andauern.
Auf dem Gelände wurden zudem Flugabwehrsysteme sowie mutmaßlich geschützte Unterstände für Drohnen identifiziert. Nach Angaben ukrainischer Beobachtungskanäle erfolgen von Schatalowo aus mehrmals pro Woche Drohnenstarts.
Von besonderem Interesse sind Hinweise auf mögliche Starts strahlgetriebener Varianten der Geran-Drohne. Auf Satellitenaufnahmen vom 1. März 2026 sind dunkle Spuren im Schnee neben den Startanlagen zu erkennen, die auf den Einsatz von Strahltriebwerken hindeuten könnten. Dies deutet darauf hin, dass Schatalowo nicht nur für den Einsatz konventioneller Angriffsdrohnen genutzt wird, sondern möglicherweise auch eine Rolle bei Russlands Übergang zu schnelleren, strahlgetriebenen Drohnenvarianten spielt.
Im September 2025 wurde Schatalowo als einer der Standorte genannt, von denen Drohnen gestartet sein sollen, die später in den polnischen Luftraum eindrangen. Damit gewinnt die Anlage eine Bedeutung, die über den Krieg gegen die Ukraine hinausgeht, und gilt als Teil einer umfassenderen Bedrohung für die NATO-Ostflanke.
2. Startanlage Tsymbulowo, Oblast Orjol
Koordinaten
53.36858, 35.81660
Entfernung zur Grenze zu Belarus
Etwa 200 Kilometer
Status
Seit Herbst 2024 in Betrieb

Die Anlage bei Tsymbulowo zählt zu den größten bekannten russischen Standorten für Angriffsdrohnen. Die Bauarbeiten begannen im August 2024, erste Starts könnten bereits im Herbst desselben Jahres erfolgt sein.
Satellitenaufnahmen von Planet Labs vom 1. Juni 2026 zufolge erstreckt sich das Gelände über knapp zwei mal vier Kilometer. Im Verlauf des Frühjahrs 2026 hat sich die Anlage nahezu verdoppelt. Auf dem Gelände sind mindestens zwölf aktive Startanlagen zu erkennen. Darüber hinaus scheinen sich bis zu acht weitere feste Startpositionen in Vorbereitung zu befinden. Zum Komplex gehören außerdem eine lange Startstrecke für Starts von Transportplattformen sowie rund einhundert Lager- und Unterstützungsgebäude.
Nach ukrainischen Einschätzungen könnten auf dem Gelände gleichzeitig mehrere Hundert Angriffsdrohnen gelagert werden. Tsymbulowo sollte daher nicht nur als Startplatz betrachtet werden, sondern als bedeutender logistischer Knotenpunkt für Drohnenoperationen. Hier erfolgen Lagerung, Vorbereitung, Logistik und Koordination im Vorfeld groß angelegter Drohnenangriffe.
Besonders bemerkenswert sind die verlängerten schienengebundenen Startvorrichtungen mit einer Länge von rund 85 Metern. Analysten gehen davon aus, dass sie für den Start neuer strahlgetriebener Varianten der Geran-Drohne vorgesehen sein könnten, darunter die Geran-5. Sollte sich diese Einschätzung durch weitere Beobachtungen bestätigen, wäre Tsymbulowo ein wichtiger Hinweis auf die technologische Weiterentwicklung der russischen Drohnenkapazitäten. Die Entwicklung geht von langsameren, kreisenden Angriffsdrohnen hin zu schnelleren Systemen, die deutlich schwieriger zu entdecken und abzufangen sind.
3. Drohnenkomplex bei Nawlja, Oblast Brjansk
Koordinaten
52.85476, 34.50651
Entfernung zur Grenze zu Belarus
Etwa 127 Kilometer
Entfernung zur Grenze zur Ukraine
Etwa 75 Kilometer
Status
Seit Herbst 2024 in Betrieb

Die Anlage bei Nawlja wurde vollständig neu errichtet. Noch im Jahr 2022 befand sich an dieser Stelle lediglich eine unbefestigte Straße. Der umfangreiche Ausbau begann im Sommer 2024. Zunächst wurde eine Startstrecke für den Abschuss von Drohnen von Fahrzeugplattformen angelegt. Anschließend entstanden drei größere, mit Erdreich geschützte Bunkeranlagen.
Im Jahr 2025 wurde der Komplex weiter ausgebaut. Auf Satellitenaufnahmen vom 1. Juni 2026 sind mindestens drei feste Startpositionen sowie rund 16 kleinere geschützte Anlagen zu erkennen, die vermutlich der Lagerung von Drohnen dienen. Die Bauarbeiten dauern weiterhin an.
Im April 2026 griffen die ukrainischen Verteidigungskräfte die Anlage an. Nach Angaben ukrainischer Beobachtungskanäle wurden jedoch auch danach weiterhin mehrmals pro Woche Geran-Drohnen sowie Täuschungsdrohnen des Typs Gerbera gestartet. Entsprechende Aktivitäten wurden unter anderem am 1. und 3. Juni 2026 registriert.
Nawlja verdeutlicht die hohe Widerstandsfähigkeit der russischen Drohneninfrastruktur. Dezentral angelegte Anlagen mit geschützten Unterständen, mehreren Startpositionen und unterschiedlichen Funktionsbereichen können ihren Betrieb selbst nach Angriffen wieder aufnehmen. Die Erfahrungen aus Nawlja zeigen, dass ein einmaliger Schlag gegen eine solche Anlage nicht ausreicht. Um die tatsächliche Wirkung eines Angriffs beurteilen zu können, sind eine kontinuierliche Überwachung, Nachverfolgung und Analyse der Geschwindigkeit erforderlich, mit der der Betrieb wieder aufgenommen wird.
4. Luftwaffenstützpunkt Seschtscha, Oblast Brjansk
Koordinaten
53.71538, 33.34548
Entfernung zur Grenze zu Belarus
Etwa 45 Kilometer
Status
Wurde 2023 als einer der russischen Startstandorte für Angriffsdrohnen genannt. Zugleich diente der Stützpunkt zwischen 2022 und 2024 als wichtiger logistischer Transitknotenpunkt.

Seschtscha unterscheidet sich deutlich von den neu errichteten Drohnenkomplexen. Es handelt sich nicht um eine neu gebaute Anlage, sondern um einen Militärflugplatz, der zwischen 2022 und 2024 zu den wichtigsten Transitknotenpunkten für den russischen Militärflugverkehr zwischen Russland und Belarus gehörte.
Im Jahr 2023 bezeichnete der Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, Jurij Ihnat, Seschtscha als einen der wichtigsten Startstandorte für russische Shahed-Drohnen mit Zielrichtung Kyjiw. Auch der britische Militärgeheimdienst hob die Bedeutung des Flugplatzes hervor. Nach ukrainischen Drohnenangriffen auf die Basis im Mai 2023 wurde Seschtscha in öffentlichen ukrainischen Berichten deutlich seltener als aktiver Startstandort für Angriffsdrohnen erwähnt.
Der Luftwaffenstützpunkt hat jedoch nichts von seiner strategischen Bedeutung verloren. Auf Satellitenaufnahmen vom 4. Juni 2026 sind neue Bauarbeiten, Erdwälle für Flugabwehrsysteme, die dezentrale Stationierung von Transportflugzeugen sowie Flugzeuge zu erkennen, die teilweise mit Autoreifen abgedeckt wurden, um einen improvisierten Schutz gegen Drohnenangriffe zu schaffen.
Die Bedeutung des Stützpunktes liegt heute nicht in erster Linie in der Durchführung von Drohnenstarts. Seschtscha bleibt ein wichtiger logistischer Knotenpunkt und könnte bei Bedarf auch als Ausweichbasis dienen. Die Anlage spielt eine zentrale Rolle für Transporte, die Verteilung von Luftfahrzeugen, den Schutz militärischer Einrichtungen sowie die Unterstützung der russischen Militärlogistik in Richtung Belarus.
5. Startanlage bei Assowyzja, Oblast Brjansk
Koordinaten
52.32268, 34.50236
Entfernung zur Grenze zu Belarus
Etwa 163 Kilometer
Entfernung zur Grenze zur Ukraine
Etwa 35 Kilometer
Status
Neue Anlage im Aufbau. Der Betrieb könnte bereits wenige Monate nach Beginn der Bauarbeiten aufgenommen worden sein.

Assowyzja ist die jüngste der bislang identifizierten Anlagen innerhalb dieser Infrastruktur. Die Bauarbeiten begannen im Sommer 2025. Auf Satellitenaufnahmen von Planet Labs vom 11. Januar 2026 sind mindestens zwei feste Startanlagen sowie vier kleinere geschützte Lagerbereiche zu erkennen.
Nach Einschätzung der Rechercheure könnte die Anlage bereits wenige Monate nach Baubeginn für Drohnenstarts genutzt worden sein. Gleichzeitig erscheint es zutreffender, Assowyzja als eine Anlage im Aufbau zu beschreiben und nicht als einen vollständig entwickelten Komplex vom Typ Tsymbulowo oder Nawlja.
Gerade deshalb besitzt Assowyzja einen besonderen analytischen Wert. Die Anlage zeigt, wie die frühe Phase beim Aufbau russischer Startinfrastruktur aussieht. Zunächst entstehen Startpositionen, Schutzeinrichtungen, Zufahrtswege und gesicherte Lagerbereiche. Anschließend entwickelt sich das Gelände schrittweise zu einer funktionsfähigen militärischen Anlage.
Die Lage nur rund 35 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt verkürzt die Flugzeit zu den nördlichen Regionen der Ukraine erheblich. Sollte die Anlage ihre volle Einsatzfähigkeit erreichen, könnte sie die Bedrohung für die Regionen Tschernihiw, Sumy und Kyjiw sowie für Gebiete entlang der russisch-ukrainischen Grenze weiter erhöhen.
Dimensionen der russischen Drohneninfrastruktur
Nach Angaben des Generalstabs der Ukraine existieren insgesamt 14 bekannte russische Startstandorte für Angriffsdrohnen. Neben den Anlagen in der Nähe von Belarus umfasst dieses Netzwerk auch Standorte in Orjol, Chalino, Millerowo, Donezk, Jejsk, Primorsko-Achtarsk, auf dem Truppenübungsplatz Tschauda sowie in Hwardijske und Berdjansk.
Das Netz von Anlagen entlang der Grenze zu Belarus zählt zu den dynamischsten und am stärksten ausgebauten Teilen dieses Systems. Seine besondere Bedeutung ergibt sich aus der Kombination mehrerer Faktoren: der Nähe zur ukrainischen Hauptstadt, der Möglichkeit, Flugrouten entlang der belarussischen Grenze zu führen, der Nutzung des belarussischen Luftraums als politisch sensible Zone sowie der potenziellen Nutzung ziviler belarussischer Telekommunikationsinfrastruktur.
Belarus als Teil der russischen Drohnenkriegsführung
Die ersten größeren Einflüge russischer Drohnen in den belarussischen Luftraum wurden im Juli 2024 registriert. Diese Entwicklung fiel zeitlich mit dem Ausbau größerer Startanlagen in den russischen Oblasten Brjansk, Orjol und Smolensk zusammen.
Seitdem wird Belarus zunehmend als Flugkorridor und Manöverraum für Shahed- und Geran-Drohnen sowie für Täuschungsdrohnen des Typs Gerbera genutzt. Ein Teil der Drohnen dringt in den belarussischen Luftraum ein, während andere entlang der Grenze zwischen Belarus und der Ukraine fliegen, bevor sie ihren Kurs in Richtung der Regionen Kyjiw, Schytomyr oder der westlichen Landesteile der Ukraine ändern.
Das Ausmaß des Problems wird inzwischen auch von belarussischen Vertretern eingeräumt. Nach Angaben des Kommandeurs der belarussischen Luftstreitkräfte und Luftverteidigung, Andrej Lukjanowitsch, wurden im Jahr 2025 mehr als 1.400 Verstöße gegen die Vorschriften zur Nutzung des Luftraums registriert. Der Kommandeur der Inneren Truppen, Mikalaj Karpenkau, erklärte, dass im selben Jahr rund 520 Drohnen nach ihrem Absturz auf belarussischem Gebiet entschärft oder beseitigt wurden. Etwa ein Drittel davon waren Kampfdrohnen. Im Jahr 2026 räumten belarussische Sicherheitsbehörden erstmals ein, dass derartige Vorfälle nahezu täglich stattfinden.
Gleichzeitig vermeiden die Behörden in Minsk konsequent, den russischen Ursprung dieser Drohnen anzuerkennen. Ihre Herkunft bleibt entweder unklar oder wird als ukrainisch dargestellt. Auf diese Weise kann das Lukaschenko-Regime vermeiden, eine offensichtliche Tatsache einzuräumen: Belarus kontrolliert seinen eigenen Luftraum nicht vollständig und erlaubt Russland faktisch, diesen als Teil seines Krieges gegen die Ukraine zu nutzen.
Ukrainische Militärangehörige haben wiederholt beschrieben, wie russische Drohnen gezielt in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Belarus operieren. Dies erschwert die Arbeit der ukrainischen Luftverteidigung und mobiler Feuergruppen, da Einsätze in unmittelbarer Grenznähe sowohl politischen als auch operativen Einschränkungen unterliegen. Für Russland entsteht dadurch ein Handlungsspielraum, in dem militärische Erwägungen mit politischer Erpressung verbunden werden.
Belarussische zivile Infrastruktur unterstützt russische Drohnenoperationen
Ein weiterer Bestandteil der russischen Drohneninfrastruktur betrifft Kommunikation, Navigation und Signalübertragung. Genau dieser Aspekt wurde im Rahmen einer Cyberoperation dokumentiert, die vom Analysezentrum Fenix mit Unterstützung von Freiwilligen der internationalen Aufklärungsgemeinschaft InformNapalm durchgeführt wurde.
Im Februar 2026 veröffentlichte InformNapalm die Ergebnisse dieser Operation. Über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten beobachteten ukrainische Cyberspezialisten verdeckt russische Betreiber von Angriffsdrohnen. Sie verschafften sich Zugang zu Konten zahlreicher russischer Militärangehöriger sowie zu den Überwachungssystemen der Drohnenoperatoren. Dadurch erhielten die ukrainischen Verteidigungskräfte Informationen über Flugrouten, Einsatzaufträge und Teile des russischen Führungssystems.
Die wichtigste Schlussfolgerung der Operation war, dass Russland aktiv zivile Infrastruktur in Belarus zur Unterstützung seiner Drohnenoperationen nutzte. Dazu gehörten unter anderem Mobilfunkmasten, die eingesetzt wurden, um die Signalstärke aufrechtzuerhalten und eine stabile Kommunikation entlang der Flugrouten der Drohnen sicherzustellen. Dies erhöhte die Fähigkeit des russischen Militärs, Angriffe gegen die Nordukraine durchzuführen – von der Region Kyjiw bis zur Region Wolyn.
Bereits im September 2025 enthielten abgefangene Daten russischer Drohnenoperatoren Flugrouten entlang der belarussischen Seite der Grenze. Im selben Monat wurden operative Informationen an die NATO-Mitgliedstaaten weitergegeben, wonach die russischen Drohnen, die in der Nacht vom 9. auf den 10. September 2025 in den polnischen Luftraum eindrangen, nicht zufällig dort auftauchten. Der Vorfall wurde als Teil von Tests einer neuen Taktik sowie der Möglichkeiten der belarussischen zivilen Telekommunikationsinfrastruktur bewertet.
Der Vorfall ist aus mehreren Gründen von Bedeutung. Er zeigt, dass belarussische Infrastruktur nicht ausschließlich für Angriffe gegen die Ukraine genutzt wird. Sie kann zudem Teil von Vorbereitungen auf umfassendere Druckszenarien gegen jene Transportwege sein, über die die Ukraine mit Waffen, militärischer Ausrüstung und Munition versorgt wird.
Vier Elemente der russischen Drohnenkriegsführung
Wer Schatalowo, Tsymbulowo, Nawlja, Seschtscha und Assowyzja lediglich als einzelne Anlagen betrachtet, übersieht den entscheidenden Punkt. Gemeinsam bilden sie ein zusammenhängendes System mit mindestens vier zentralen Funktionen.
Die erste Funktion betrifft den Start von Drohnen. Dazu gehören feste Startanlagen, Startstrecken, Fahrzeugplattformen, schienengebundene Systeme für strahlgetriebene Varianten sowie vorbereitete Positionen für groß angelegte Drohnenangriffe.
Die zweite Funktion umfasst Lagerung und Logistik. Hierzu zählen geschützte Lagerbereiche, Bunkeranlagen, Versorgungseinrichtungen, logistische Knotenpunkte, Luftwaffenstützpunkte und weitere Einrichtungen mit der Kapazität, große Mengen von Angriffsdrohnen aufzunehmen.
Die dritte Funktion betrifft Flugrouten und operative Manövermöglichkeiten. Dazu gehören die Nutzung des Luftraums in der Nähe von Belarus, Flüge entlang des Grenzgebiets, das Eindringen in den belarussischen Luftraum sowie anschließende Kursänderungen in Richtung ukrainischer Ziele.
Die vierte Funktion umfasst Führung, Kommunikation und Signalübertragung. Dazu gehören Kommunikationskanäle, Mobilfunkmasten, Relaisstationen und digitale Infrastruktur, die eine stabile Verbindung gewährleisten und die Effektivität von Drohnenoperationen erhöhen.
Erst das Zusammenspiel dieser vier Elemente verleiht der russischen Drohneninfrastruktur ihre Widerstandsfähigkeit. Wird eine Anlage beschädigt oder außer Gefecht gesetzt, können ihre Aufgaben auf andere Standorte verlagert werden. Wird eine Flugroute zu riskant, können alternative Wege genutzt werden. Verlieren die herkömmlichen Shahed-Drohnen an Wirksamkeit, lässt sich die Infrastruktur für strahlgetriebene Varianten und Täuschungsdrohnen anpassen.
Die Stärke des Systems liegt in seiner Anpassungsfähigkeit. Einzelne Anlagen können beschädigt oder zerstört werden, während die Gesamtstruktur weiterhin funktionsfähig bleibt, solange die übrigen Elemente erhalten sind.
Die russische Strategie in Richtung Belarus
Der Ausbau der Infrastruktur entlang der belarussischen Richtung verfolgt mehrere Ziele. Durch die Verteilung der Startstandorte auf verschiedene Regionen kann Russland die ukrainische Luftverteidigung gleichzeitig aus mehreren Richtungen unter Druck setzen. Dadurch wird es schwieriger, Flugrouten vorherzusagen und Gegenmaßnahmen zu planen.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Nähe zur Nordukraine. Schatalowo und Seschtscha spielen eine bedeutende Rolle für Angriffe auf die Region Kyjiw. Nawlja und Assowyzja sind für Operationen gegen die Regionen Tschernihiw, Sumy und Kyjiw von besonderer Bedeutung. Tsymbulowo fungiert zugleich als logistischer Hauptknotenpunkt für groß angelegte Drohnenangriffe mit einem breiten Spektrum möglicher Flugrouten.
Auch der belarussische Luftraum nimmt in der russischen Planung eine zentrale Stellung ein. Durch die Nutzung eines Raums, in dem ukrainische Gegenmaßnahmen politisch sensibel sind, versucht Russland ein Dilemma zu schaffen, bei dem die Notwendigkeit der Drohnenabwehr mit dem Risiko einer politischen Eskalation kollidiert.
Die Erfahrungen aus Nawlja verdeutlichen zudem die Bedeutung der Widerstandsfähigkeit des Systems. Selbst nach Angriffen auf die Anlage können Drohnenstarts wieder aufgenommen werden. Eine verteilte Infrastruktur mit zahlreichen kleineren Standorten kann daher wirksamer sein als ein einzelnes großes und verwundbares Zentrum.
Hinzu kommt die fortlaufende technologische Weiterentwicklung. Die schienengebundenen Startsysteme in Tsymbulowo und die Hinweise auf mögliche Starts strahlgetriebener Drohnen in Schatalowo deuten darauf hin, dass Russland seine Drohnenkampagne nicht zurückfährt. Stattdessen wird sie kontinuierlich an neue Technologien und neue Formen luftgestützter Angriffe angepasst.
Wie diese Daten zur Beobachtung der Bedrohungsentwicklung genutzt werden können
Die Koordinaten von Startanlagen und Luftwaffenstützpunkten besitzen einen praktischen Wert für OSINT-Gruppen, Monitoring-Projekte, Sicherheitsbehörden und Frühwarnsysteme. Sie ermöglichen es, die Entwicklung und Nutzung der russischen Drohneninfrastruktur über einen längeren Zeitraum nachzuvollziehen.
Wo Drohnen wahrscheinlich starten
Präzise Koordinaten ermöglichen es, beobachtete Flugrouten wahrscheinlichen Startgebieten zuzuordnen. Werden Drohnen über dem südöstlichen Belarus oder entlang der belarussisch-ukrainischen Grenze registriert, können ihre Bewegungen mit bekannten Standorten in Schatalowo, Seschtscha, Nawlja, Assowyzja und Tsymbulowo abgeglichen werden.
Wie sich Flugkorridore entwickeln
Werden Informationen über Startstandorte mit Flugrouten, Einflügen in den belarussischen Luftraum, der Mobilfunkabdeckung und möglichen Relaisstationen kombiniert, lassen sich wiederkehrende Muster erkennen. Solche Flugkorridore können aufschlussreicher sein als einzelne Starts, da sie zeigen, welche Routen Russland als besonders zuverlässig betrachtet.
Hinweise auf bevorstehende Aktivitäten
Eine kontinuierliche Satellitenüberwachung kann frühe Hinweise auf eine zunehmende Aktivität liefern. Neue Fahrzeuge, erweiterte Lagerbereiche, veränderte Startpositionen, neu angelegte Zufahrtsstraßen, Flugabwehrsysteme oder zusätzliche Schutzeinrichtungen können Anzeichen dafür sein, dass weitere Angriffe vorbereitet werden.
Neue Anlagen frühzeitig erkennen
Assowyzja zeigt, dass neue Startanlagen bereits identifiziert werden können, bevor sie ihre volle Einsatzfähigkeit erreichen. Deshalb reicht es nicht aus, ausschließlich bekannte Luftwaffenstützpunkte zu beobachten. Auch Feldstandorte mit Startstrecken, Bunkern, Erdwällen, Zufahrtswegen und weiterer unterstützender Infrastruktur können frühe Hinweise auf neue Aktivitäten liefern.
Mehr als nur die Frage nach Treffer oder Fehlschlag
Die Erfahrungen aus Nawlja zeigen, dass die Wirkung eines Angriffs nicht allein daran gemessen werden kann, ob ein Ziel getroffen wurde. Ebenso wichtig ist die Frage, was danach geschieht. Kehren Fahrzeuge und Ausrüstung zurück? Werden die Drohnenstarts wieder aufgenommen? Werden Schutzeinrichtungen repariert? Wird das Gelände erneut ausgebaut?
Eine Herausforderung für die gesamte NATO
Der Drohnenvorfall in Polen in der Nacht vom 9. auf den 10. September 2025 machte deutlich, dass diese Infrastruktur längst nicht mehr nur die Ukraine betrifft. Flugrouten durch oder entlang von Belarus können auch dazu dienen, Methoden zur Einflussnahme auf Polen, die baltischen Staaten und die Transportwege für militärische Unterstützung der Ukraine zu erproben. Die Überwachung dieses Raums liegt daher im gemeinsamen Interesse der Ukraine, Polens, Litauens, Lettlands, Estlands und der NATO insgesamt.
Die Verantwortung des Regimes in Minsk
Das belarussische Regime versucht, zwei unvereinbare Positionen gleichzeitig aufrechtzuerhalten. Einerseits erkennen die Behörden wiederholte Verletzungen des Luftraums, zahlreiche Drohnenvorfälle und die Notwendigkeit an, abgestürzte Drohnen unschädlich zu machen. Andererseits vermeiden sie es, offen einzuräumen, dass es sich dabei um russische Drohnen handelt, und unterstützen den Aggressor weiterhin politisch.
Die verfügbaren Informationen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Wenn belarussisches Territorium zur Unterstützung russischer Drohnenoperationen genutzt wird, wenn der belarussische Luftraum als Korridor für Angriffe gegen die Ukraine dient und wenn zivile Telekommunikationsinfrastruktur zur Unterstützung von Kommunikation und Navigation der Drohnen eingesetzt wird, fällt es schwer, Minsk als unbeteiligten Akteur zu betrachten.
Das belarussische Regime ist nicht nur ein politischer Verbündeter Russlands. Es hat Belarus auch zu einem integralen Bestandteil jener Infrastruktur gemacht, die die russische Kriegsführung unterstützt. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Sanktionen gegen Aljaksandr Lukaschenko wegen seiner Mitwirkung am Ausbau der russischen Drohnenkriegsführung weit mehr als nur symbolisch. Sie beruhen auf konkreten Tatsachen.
Schlussfolgerungen
Russland hat entlang der belarussischen Richtung ein zusammenhängendes System aufgebaut, das Startanlagen, Luftwaffenstützpunkte, Lagerbereiche, logistische Knotenpunkte, Flugrouten entlang des Grenzraums, die Nutzung des belarussischen Luftraums sowie verschiedene Formen der Signalübertragung über zivile Infrastruktur in Belarus umfasst.
Ziel dieses Systems ist es, Umfang, Flexibilität und Widerstandsfähigkeit russischer Drohnenangriffe zu erhöhen, die Flugzeiten in die Nordukraine zu verkürzen, die Arbeit der ukrainischen Luftverteidigung zu erschweren, Belarus als politischen Schutzraum zu nutzen und zugleich Methoden zur Einflussnahme auf die NATO-Ostflanke zu erproben.
Für die Ukraine, OSINT-Gruppen und die NATO-Mitgliedstaaten besteht die Aufgabe nicht allein darin, einzelne Drohnenstarts zu registrieren. Ebenso wichtig ist die Kartierung des gesamten Systems – von Startanlagen und Lagerbereichen über logistische Knotenpunkte bis hin zu Flugrouten, Relaisstationen, Kommunikationsnetzen und wiederkehrenden Flugkorridoren.
Die belarussische Richtung hat sich zu einem der wichtigsten Elemente der russischen Drohnenkriegsführung gegen die Ukraine entwickelt und stellt zugleich eine potenzielle sicherheitspolitische Herausforderung für weite Teile Europas dar.
Die Analyse basiert auf öffentlich zugänglichen Quellen und wurde von Roman Burko, dem Gründer der internationalen freiwilligen Aufklärungsgemeinschaft InformNapalm, zusammengestellt.
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