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    Stadtgattung: Blogger-Propagandist. Wie funktioniert eine Trollfabrik?

    on 03/02/2015 | 3 Comments | Aktuell | Interviews/Meinungen

    Sankt Petersburg ist in ganz Russland als die Wiege der Informationskriege und „Internet-Trolle“ berühmt geworden, die sich in einer Luxus-Wohnanlage in Olgino niedergelassen hatten und später näher zur Innenstadt umgezogen sind. Eine ehemalige Mitarbeiterin dieser Organisation hat uns unter der Bedingung, anonym zu bleiben, erzählt, wie diese riesige Propagandamaschine funktioniert und warum man es in diesem Job nicht lange aushält.

    Jobangebote für diese herrliche Stelle sind über alle Recruting-Portale verstreut. Die Firmen, die „Copywriter“ oder „Content-Manager“ suchen, tragen alle verschiedene Namen. Die Konspiration funktioniert aus zwei Gründen nicht: überall wird der Gehalt von 40 – 45.000 Rubel und die Adresse „Staraja Derewnja/Tschornaja Retschka“ angegeben. Die Informationen darüber, wer, von wem und wofür gesucht wird, sind in den Stellenanzeigen minimal – man rechnet damit, dass die hohen Gehälter die Neugier dafür, bei wem man sich eigentlich bewirbt, dämpfen wird.

    Wie sich herausstellt, funktioniert es: viele sind hier nach einer langen und leidvollen Arbeitssuche, fast verzweifelt gelandet. Ich persönlich kam vor kurzem aus einer großen Gebietshauptstadt, mit einer Journalistenausbildung in der Tasche, und habe mich Ende August auf eine der Dutzenden Stellenanzeigen, die auf der Online-Jobbörse zu finden sind, beworben. Der Anruf mit der Einladung zum Vorstellungsgespräch bei der Medienholding „Internet-Forschungen“ kam paar Tage später.

    Das Vorstellungsgespräch fand in einem neuen schönen Bürogebäude statt, das in der Sawuschkina Str. 55 vier Stockwerke einnimmt. Da kommt man nicht einfach so rein: streng bewacht, mit Drehkreuz. Wenn man keine Zugangskarte hat, muss man einen Antrag ausfüllen und persönliche Daten angeben.

    Das Vorstellungsgespräch beginnt damit, dass man einen Fragebogen bekommt. Dort muss man seine Daten eintragen, einschließlich gemeldeter Wohnsitz, tatsächlicher Wohnsitz, ausführliche Informationen zu früheren Arbeitsstellen, Angaben über die Arbeitstätigkeit der Eltern usw. Danach werden einem paar Fragen gestellt und man wird gebeten, beliebige aktuelle Nachrichten „umzuschreiben“. Man hat das Gefühl, dass dort jeder eingestellt wird, der beweisen kann, dass er der russischen Sprache in Wort und Schrift mächtig ist. Dabei bekommt man keine Informationen darüber, wo man eigentlich eingestellt ist: „Medienholding, ein paar Internetseiten, man muss eine bestimmte Datenmenge bringen, überdurchschnittlicher Gehalt“.

    Wenn du bereits seit ein paar Monaten arbeitslos bist, sagst du gleich nach den Worten „45.000 Rubel“ zu. Das ist der Grundgehalt von allen Mitarbeitern unterhalb der Führungsebene – seien es „Blogger“ (die bei LiveJournal und in den sozialen Netzwerken schreiben), „Content Manager“, „SEO-Experten“ oder die Schöpfer der patriotischen „Demotivationspostern“, die als „Illustratoren“ bezeichnet werden. Diejenigen, die einen höheren Posten erklommen haben, bekommen mehr – 55.000, 60.000 Rubel usw. Nach den persönlichen politischen Überzeugungen wird man bei der Einstellung praktisch nicht gefragt.

    Erster Arbeitstag. 9 Uhr bis 17.30 Uhr. „Du musst 20 Nachrichtenmeldungen verfassen, Einzigartigkeit – 75%, Nachrichten müssen aktuell sein, hier ist dein Login und das Passwort für die Seite, los!“. Alles hier erinnert an die Schule – die Büros sehen aus wie die „Computer-Klassen“, man darf sich nicht mal um 2 Minuten verspäten (man muss Strafe zahlen), den Arbeitsplatz verlassen muss man sofort nach der Beendigung der Arbeit und keine Minute später. Insgesamt betreibt die Holding, soweit ich verstanden habe, 12 Internetseiten zu verschiedenen Themen, die aber alle auf die eine oder andere Weise mit der Politik und der Ukraine zu tun haben. Obwohl die „Föderationsnachrichtenagentur“ als Aushängeschild dient (die meisten Mitarbeiter verschiedener Abteilungen stellen sich bei den Geschäftstelefonaten als Mitarbeiter der FNA vor), fällt die größere Hälfte des Datenverkehrs der sogenannten „Nachrichtenagentur Charkow“ zu (die ironischerweise nahnews.com.ua heißt).

    Die Seite scheint ukrainisch zu sein, aber alle Publikationen werden in der Sawuschkina Str. 55 erstellt. Von solchen „ukrainischen Seiten“ hat die Holding einige, unter anderem die bekannte Seite „Antimaidan“. Eindeutig provokative Fakes werden von diesen gefälschten Seiten nicht fabriziert, die Nachrichten aber werden nach bestimmten Vorgaben umgeschrieben: z. B. werden die Separatisten in „Aufständische“ umbenannt. Die „Medienholding“ existiert seit Juli 2014.

    In den ersten Tagen versteht man einfach nicht, wo man ist und wozu man diese Nachrichten umschreibt und mit ihnen die Internetseiten füllt. Es kommt einem vor, als ob das ein soziales Experiment oder eine Reality-Show wäre, vor allem weil jedes Großraumbüro, in dem ca. 25-30 Mitarbeiter sitzen, videoüberwacht ist.

    Eine ideologische Gehirnwäsche oder regelmäßige Unterweisungen gab es nicht; die einfachen Grundsätze sind allen, die hier angestellt sind, klar: über Putin darf man nicht schlecht reden, die Aufständischen sind keine Terroristen, „du verstehst schon…“. Man hatte das Gefühl, dass alle Neulinge selber darauf kommen, wo sie gelandet sind und wie sie schreiben müssen, ideologische Anweisungen werden, wenn überhaupt, auf der Chefredakteur-Ebene durchgeführt.

    Es gibt keine Planungssitzungen oder Hauptversammlungen. Noch zu den Angestellten: meistens sind das Zugezogene aus anderen Städten, alles Menschen mit der höheren Bildung und keineswegs dumm. Es gibt viele sehr junge Leute mit unkonventionellem Aussehen, wie Piercings oder Dreadlocks. Man kann die Mitarbeiter grob in drei Kategorien unterteilen:

    1) „Ich werde gut bezahlt, und es ist mir egal, von wem, ich hab keine Ahnung“: viele von ihnen müssen eine Familie ernähren, einen Kredit abbezahlen usw.
    2) „Ja, ich weiß, dass das eine kremltreue Troll-Fabrik ist, aber zum Teufel mit den Gewissensbissen – ich werde gut bezahlt und alles andere ist mir egal.“
    3) „Ich führe einen Informationskrieg gegen die faschistische Junta!“

    Die letzten sind deutlich in der Minderzahl. Sie sind wohl auch die einzigen, die ihren Job wirklich lieben. In unserer Abteilung gab es, glaube ich, nur zwei solche Typen.

    Die „Medienholding“ selbst belegt nur ein Stockwerk des Gebäudes. In den übrigen Etagen sitzen die anderen Mitarbeiter der Propagandafront, darunter auch die besagten „Trolle“, die in ganz Sankt Petersburg berühmt sind, eigentlich bezahlte Witzbolde, die fast jeden Thread in den sozialen Netzwerken und Blogs mit aggresiven Kommentaren verstopfen. Die Mitarbeiter der „Medienholding“ behandeln diese mit Ironie, die andererseits fast an Furcht grenzt. Ich selber kam nicht dazu, die „Trolle“ näher kennenzulernen, ich sah sie nur im Raucherzimmer.

    Schon nach der ersten Arbeitswoche merkt man, dass es der Führung der „Medienholding“ an Professionalität mangelt. Das oberste Ziel ist die Anzahl von Aufrufen und Besuchern. Nach dem Plan sollte ihre Anzahl (auf allen Seiten der Holding insgesamt) täglich um 3.000 Personen steigen.

    Dabei werden die Wochenenden und Feiertage nicht berücksichtigt – man muss einfach „den Fünfjahresplan in einem Monat erfüllen“. Die Arbeit der SEO-Abteilung, die die Inhalte dieser Seiten puschen soll, kann man ganz banal als Spamming bezeichnen (weshalb die Links vieler Seiten von Google und VKontakte blockiert werden). Wenn man bedenkt, wie das Personal ausgesucht wird, ist das auch kein Wunder.

    Inzwischen rüttelt die Führung die Leiter der Seiten, diese ihrerseits verlangen von ihren Mitarbeitern „aktuelle Nachrichten“, die Mitarbeiter versuchen als erste die Meldungen der führenden russischen Nachrichtenagenturen „umzuschreiben“. Um die Datenmenge zu erhöhen, nimmt man Nachrichten über Morde, Vergewaltigungen und sonstige Kriminalität in verschiedenen Ecken Russlands, Sensationsmeldungen der Unterhaltungsindustrie über Alla Pugatschowa, Madonna usw.

    Sehr beliebt sind Nachrichten über Schwule, natürlich mit der homophoben Einstellung. Wenn Feminismus erwähnt wird, dann unbedingt mit dem Verweis auf die ukrainischen Femen-Aktivistinnen, wie denn sonst. Und dennoch sind die Hauptthemen der Seiten: Putin, Krim, „Neurussland“. Dabei ist die Rede ständig von „wir sind ein Start-Up-Unternehmen, wir müssen Anzahl der Aufrufe steigern, um Rentabilität durch Werbung zu erreichen, noch leben wir vom Geld der Investoren“, dabei werden die Sprüche belächelt. Denn selbst den Naivsten unter ihnen ist es klar, wer diese „Investoren“ wirklich sind.

    Die Entscheidung, dieses „Reservat der Trolle“ zu verlassen, kam langsam. Einerseits wusste ich, dass so ein Job, im Grunde einfach und mit einer anständigen Bezahlung (für Sankt Petersburger Verhältnisse) in der Krisenzeit nicht einfach zu finden ist: es gab nicht einen Tag in der Firma, wo ich mit unüberwindbaren technischen Schwierigkeiten konfrontiert worden wäre.

    Das Problem war die psychologische Belastung bei dieser Arbeit. Zum Dezember bekam ich von der nervösen Spannung Augenzucken, und nachts träumte ich, dass ich die Nachrichten über Putin und Ukraine endlos umschreibe.

    Außerdem sind meine Ansichten ziemlich liberal, unter meinen Bekannten sind viele oppositionell gesinnt, und irgendwann habe ich verstanden, dass es mir einfach peinlich ist zu erzählen, was ich beruflich mache. All diese Faktoren haben die Bequemlichkeitsüberlegungen überwogen, und mit Erleichterung habe ich gekündigt.

     

    Quelle: sobaka.ru; übersetzt  von Olena Köpnick

    Tags: propagandaRusslandTrolle

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    3 Responses to “Stadtgattung: Blogger-Propagandist. Wie funktioniert eine Trollfabrik?”

    1. 28/04/2015

      P. Pomerantsev- Im Spiegelkabinett des Kremls. - InformNapalm.org (Deutsch)

      […] unmöglich zu machen. Wie Shaun Walker vor kurzem in dieser Zeitung berichtete, wird in einer “Troll-Fabrik” in Sankt Petersburg, Mitarbeitern ca. £ 500 pro Monat gezahlt, um wie reguläre Internetnutzer Putin zu verteidigen, […]

    2. 16/12/2015

      Wieviel gibt Russland für den Informationskrieg gegen die Ukraine aus? - InformNapalm.org (Deutsch)

      […] „Stadtgattung: Blogger-Propagandist. Wie funktioniert eine Trollfabrik?“ […]

    3. 29/12/2015

      Combien la Russie consacre-t-elle à la guerre de l'information en Ukraine ? - InformNapalm.org (Français)

      […] Voir aussi sur le même thème :Comment fonctionne une usine à Troll ? […]

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