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    Angst, Hass und Neid in der „L/DVR“: Interpretation des Terrorismus vom Standpunkt der Psychoanalyse

    on 18/01/2017 | 0 Comment | Aktuell | Gesellschaft | InformNapalm
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    Als Epigraph zu diesem Artikel kann das Zitat aus einem Artikel von Walentin Baryschnikow dienen:

    „Aber die Kräfte des Thanatos, wenn man sich der freudschen Terminologie bedient, beginnen die Kräfte des Eros zu besiegen. Die Liebe zum Leben ist nicht maßgeblich innerhalb der Gesellschaft angekommen. Die Liebe zur Auffüllung der inneren Leere mit etwas Positivem – mit Städten, Dörfern, Straßen, Werken, Erfindungen und Entdeckungen. Es ist nicht passiert, es hat nicht funktioniert. Und erst als die Schlachtrufe „Nach Kiew!“, „Nach Europa!“, „Nach Amerika!“ erklangen – erst dann spürte man eine emotionale Ladung, ein Interesse daran, seinen Raum zu erweitern, der im eigenen Inneren ziemlich verdünnt gewesen ist“.
    Sie können nur Tote lieben

    Wir bedienen uns der Psychoanalyse, also der Wissenschaft über unbewusste psychische Prozesse und frühkindliche psychische Traumas, um die Frage „Warum wählen einige Menschen, eine Gruppe von Menschen oder auch ein Sozium im Ganzen die Zerstörung, die bösartige Aggression, den kriegerischen Triumph als ein Mittel und Ziel der eigenen Existenz?“ zu beantworten.

    „Unser Ziel ist es, die Böden, die wir Neurussland nennen, und ihre russische Bevölkerung vom Feind – der Kiewer Junta – zu befreien… Dementsprechend stellt der imperialistische Nationalismus einen Schutz des eigenen „Nationalen“ im Rahmen eines bestehenden nationalen Staates dar, in unserem Fall – des Russischen Imperiums“.
    Rufzeichen „Normann“: Ein Interview mit unserem Leser

    Identität. Erstens wurde bei den ziemlich optimistischen Versuchen, mithilfe der Psychoanalyse zu erklären, warum sich junge Menschen einer terroristischen Gruppe anschließen, der Begriff „Identitätskrise“ benutzt – wenn der Mensch auf der Suche nach Selbstdefinition an einer inneren Fragmentierung sowie Widersprüchen leidet und keine Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ findet.

    1981 finanzierte das westdeutsche Bundesministerium für Inneres eine Untersuchung von 220 deutschen Terroristen. Einer der Forscher, Bolinger, erhielt Untersuchungsmaterial bezüglich einer kleinen Gruppe verhafteter Linksterroristen. Er beschreibt sie als Menschen, die ihr Erwachsenendasein mit einer inadäquat geformten Identität begonnen haben. Diese Menschen verspürten gegenüber dem Sozium gewisse Entfremdung, fühlten sich an seinem Rande – und der Anschluss an eine terroristische Gruppe erlaubte ihnen die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu finden, sich die laufenden Schwierigkeiten zu erklären und an eine glückliche Zukunft zu glauben.

    „Theoretisch kann ich den Minister anrufen. Ich kann das eigentlich auch faktisch, ich brauche es aber nicht. Eben darum, falls ich anrufe, wird er mir antworten und sagen: „Hallo, Bruder!“ Das ist eine universelle Begrüßung für jene, die früher der Gruppe angehörten, die sich im Heute auf ein ganzes Bataillon erweitert hat. Das ist ein übliches äußerliches Zeugnis des tatsächlichen Empfindens einer Bruderschaft, die die Volkswehrkämpfer vereint“. 
    Notizen eines Volkswehrkämpfers

    Narzissmus. Einer der meist zitierten modernen Forscher der Terrorismus-Psychologie, Richard Pearlstein, findet, dass die persönliche Logik des politischen Terrorismus am ausführlichsten mit Hilfe des psychoanalytischen Konzepts des Narzissmus zu erklären ist. Er hat 9 thematische Untersuchungen zu Terroristen durchgeführt und festgestellt, dass in 90% der Fälle die narzisstische Enttäuschung in der Psychobiografie der Terroristen eine kritische Rolle gespielt hat.

    Vielen Terroristen ist das sogenannte narzisstische Defizit eigen – ein tief und intensiv erlebter Mangel, eine regelrechte Leere im Inneren statt des Gefühls der Ganzheitlichkeit und Selbstrespekts. Zu einem Schutzmittel vor diesem inneren Empfinden der eigenen Nichtigkeit wird die permanente Notwendigkeit, die eigene Größe, Allmächtigkeit und Triumph zu spüren.

    „Menschen, die die übermenschlichen Werte als natürlich empfinden – wer ihre Motivation einfangen möchte, kann sich den Film „Sie kämpften fürs Vaterland“ anschauen. Nur darf man sich dabei nicht ablenken lassen. Dort sehen wir die Russen in der ganzen Einfalt ihrer Größe…“
    Notizen eines Volkswehrkämpfers

    Zorn. Wenn die von Narzissmus befallenen Menschen eine Niederlage erleben, empfinden sie meistens eine gewaltige destruktive Reaktion, die die Psychoanalytiker als narzisstischen Zorn bezeichnen. In der psychologischen Welt eines solchen Menschen gibt es nur „alles oder nichts“ – jede Niederlage ist eine Schmerzquelle. Die Gründe für die Misserfolge, fehlende Anerkennung und Annahme werden nach außen projiziert und materialisieren sich im Bild eines „ekelhaften, nichtigen, niederträchtigen Feindes“ – der Gesellschaft, die zu einem Objekt dieses Zorns wird. Von dem intensiven inneren Unbehagen kann man sich dabei nur befreien, wenn man dieses Außenobjekt vernichtet, also die Gesellschaft.

    „- Was ist Ihr Endziel?
    – Kiew zu zerbomben, diese Bastarde zu vernichten. Wir werden unbedingt bis nach Kiew kommen, der Sieg wird unser sein. Sie wollten uns alle töten, diese ganzen Turtschinows, Jazenjuks, Poroschenkos – und wir werden aber sie töten. Natürlich wird es ein Tribunal geben, vor dem sie ihre ganzen Kriegsverbrechen verantworten werden müssen. Wir werden Kiew genauso zerbomben, wie sie gerade Slowjansk, Donezk und andere Städte zerbomben.“
    Interview mit einem Terroristen. Teil 2

    Neid. Das Defizit an positiven inneren Erfahrungen, das durch frühkindliche psychologische Traumata entstanden ist, wird unvermeidlich von einem starken Gefühl des Neids begleitet: Der Terrorrist glaubt, dass die Außenwelt über alle möglichen guten und gewünschten Eigenschaften verfügt, er selbst aber um die Quellen der Vorteile und Befriedigungsmöglichkeiten gebracht wurde. Melanie Klein beschreibt den Wunsch nach Vernichtung, der den Terroristen eigen ist, als eine „Beschädigung der guten Objekte aus Neid“. Auf der globalen Ebene kann sich dieser Neid im Bestreben ausdrücken, die Welt in eine „radioaktive Asche“ zu verwandeln.

    „Der Sinn besteht nicht darin, zu siegen, sondern darin, diese ganze festliche, aufgeputzte, reiche, lebensfrohe und unendlich fremde westliche Welt in Finsternis zu versenken. Wir sind bereit, im Nichts zu verschwinden, werden dabei euch aber mitnehmen, selbst wenn Ihr deshalb unser Land zerstört…“
    Sie können nur Tote lieben

    Führer. Der moderne Psychoanalytiker S. Akhtar beschreibt die terroristischen Anführer als Menschen, die niemandem vertrauen, die Passivität hassen und eine erneute Verletzung ihrer psychophysischen Grenzen fürchten (die es in ihrer Kindheit oft gab). Um diese Angst zu verjagen, verspüren diese Menschen die Notwendigkeit, ihre empfundene eigene Opferidentität zu „töten“.

    Im schlimmsten Fall stellt die Persönlichkeit eines terroristischen Anführers eine pathologische Verbindung aus narzisstischen und paranoiden Eigenschaften vor dem Hintergrund von bösartigem Narzissmus dar (nach Otto Kernberg). Das ist ein besonders schwerer Typ der Persönlichkeitsstörung, dem jegliche Gewissensbisse und Schuldgefühle fremd sind, der danach strebt, bei den Anderen zugleich Angst und Bewunderung hervorzurufen, der absolute Loyalität einfordert und jeglichen Widerspruch als einen ernsthaften Angriff auf sich selbst deutet.

    „Sawtra“: – Wie bist du hierhin geraten?
    Motorola: – Wie ich hierhin geraten bin? (Lacht). Bin in einen Zug gestiegen und einfach gekommen. Habe nicht groß drüber nachgedacht. Hier sind Russen, also bin ich auch gekommen…
    „Sawtra“: – Wer spricht dich von den russischen Heiligen oder Kriegsherren mit seinen Ideen, Biographie, Charakter am ehesten an?
    Motorola: – Ich weiß nicht, wem ich ähnlich sein möchte. Mir selbst nur, und ich habe mich selbst schon verwirklicht.
    Gennady Dubowoj: Der legendäre Motorola

    Gruppe. Zur Beschreibung der Dynamik einer terroristischen Gruppe benutzt Kernberg den Begriff „Basiseinstellung des Kampfs und der Flucht“ (nach Wilfred Bion). Die Gruppe mit dieser Basisposition wählt sich einen Anführer mit einem starken paranoiden Potential – einen hypersensiblen, misstrauischen, aggressiven und dominanten Typ. Sie sucht nach einem äußeren Feind und vereint sich gegen ihn um einen Anführer herum, und der Anführer hilft den Gruppenmitgliedern, einerseits die Aggression im Außen zu provozieren und andererseits transformiert er die innere Gruppenaggression in Loyalität gegenüber der Gruppe und in eine gemeinsame Identität.

    „Die allgemeine Bruderschaft setzt die absolute Gleichheit voraus. Wobei sie sich in keinster Weise auf die Fragen der Subordination auswirkt – der Kompaniekommandeur ist ein Kommandeur, ohne wenn und aber. Das ist aber auch ein Mensch, dem alle vertrauen, die unter seinem Kommando Befehle ausführen. Ich habe bislang über so etwas nur gelesen. Eben darum kann nicht nur ich den Minister anrufen, sondern jeder von uns. Und jeder glaubt dem Kommandeur. Mit solchen Menschen zu dienen ist Jedermanns Traum, der versteht, was ein Kriegsdienst ist. Denn weder der Kommandeur noch der Minister werden uns fallen lassen“.
    Notizen eines Volkswehrkämpfers

    In der verdrehten Welt eines Terroristen geht es ganz und gar nicht darum, eigene Ideen und neue Lösungen in eine bestehende Gesellschaft hineinzubringen – es geht allein um Zerstörung und Vernichtung dessen, was dem Terroristen das Gefühl vermittelt, benachteiligt worden zu sein. Die innere Finsternis nach außen zu bringen und sie dort zu materialisieren ist sein alleiniges Ziel…

    • Literatur

      1. Akhtar, S. (1999). The Psychodynamic Dimension of Terrorism. Psychiatric Annals, 29(6), 350–355.
      2. Badey, T. J. (1998). Defining international terrorism: A pragmatic approach. Terrorism and Political Violence 10, 90–107.
      3. Casoni, D., Brunet, L. (2002). The psychodynamics of terrorism. Canadian Journal of Psychoanalysis, 10(1), 5–24.
      4. Crayton, J. W. (1983). Terrorism and Psychology of the Self. L. Z. Freedman, Y. Alexander (Eds), Perspectives on Terrorism (pp. 33-41). Wilmington, Delaware: Scholarly Resources.
      5. Johnson, P. W., Feldman, T. B. (1992). Personality types and terrorism: Self-psychology perspectives. Forensic Reports , 5(4), 293–303.
      6. Kent, I., Nicholls.W. (1977). The Psychodynamics of Terrorism. Mental Health and Society, 4, 1–8.
      7. Kernberg, O. F. (2003). Sanctioned Social Violence: A Psychoanalytic View – Part I. International Journal of Psychoanalysis, 84 , 953-968.
      8. Knutson, J. N. (1981). Social and psychodynamic pressure toward a negative identity: the case of an American revolutionary terrorist. Y. Alexander, J. M. Gleason (Eds), Behavioral and quantitative perspectives on terrorism (pp. 105-150). New York: Pergamon.
      9. Pearlstein, R. M. (1991). The mind of the political terrorist. Wilmington: Scholarly Resources.
      10. Post J. M. (1984) Notes on a psychodynamic theory of terrorist behavior, Terrorism, 7:2, 241-256
      11. Schmid, A. (1983). Political terrorism: A research guide to the concepts, theories, databases and literature. With a bibliography by the authora nd a worldd irectory of “terrorist”organizations by A. J. Jongman. Amsterdam: North Holland
      12. Wieviorka, M. (1993). The making of terrorism.Translatedb y D. G. White. Chicago:University of Chicago Press

    P.S. Wir hatten noch im Januar 2015 den Artikel „Psychologie eines Mörders“ veröffentlicht, der sich ebenfalls mit der Psyche eines Verbrechers auseinandersetzt.


    Dieses Material wurde von Christina Turezka exklusiv für InformNapalm vorbereitet; übersetzt von Irina Schlegel. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich.

    (Creative Commons — Attribution 4.0 International — CC BY 4.0 )

    Wir rufen unsere Leser dazu auf, unsere Publikationen aktiver in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Das Verbreiten der Untersuchungen in der Öffentlichkeit kann den Verlauf von Informationskampagnen und Kampfhandlungen tatsächlich brechen.

    Tags: MörderNarzissmusPsychologieTerrorismus

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